Nach Dortmund und zurück

In: Anekdoten
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Vor einigen Wochen besuchte ich einen Freund in Dortmund. Da ich schon Ewigkeiten nicht mehr in Dortmund gewesen bin und die Stadt nicht gerade in positiver Erinnerung hatte, lud er mich ein, mit mir eine Kneipentour zu machen und mir die Stadt ein wenig aus seiner Sicht zu zeigen.

Es war genau zu der Zeit, als die Bahn durch nicht–funktionierende Klimaanlagen auffiel, und für anderthalb Stunden setzte ich mich in den Zug. Während es draußen heiß und trocken war, wurde die Bahn—und trotz schlechter eine passende Analogie—zum fahrenden Dampfgarkessel. Zwar nahm ich mir vor, ein Buch zu lesen, aber bei dem extrem schwülen Klima verstand ich, warum es im Regenwald wohl leichter ist mit Gorillas zu leben als über sie zu schreiben.

Ich schaute mir ein wenig die anderen Fahrgäste an, die allesamt selbst versuchten mit der Hitze klar zu kommen. Einige brauchten Berge an Taschentüchern auf, andere benutzten ihre Leseutensilien als Fächer, wieder andere übten sich in Zynismus oder sonstigen Arten von Unfreundlichkeit. Beneidenswert aber fand ich die junge Dame, die mir gegenüber saß, die ein um die fünfhundert Seiten starkes Hardcover–Buch zu lesen versuchte. Das nämlich muss wohl so langweilig gewesen sein, dass sie bald darauf ein– und so die drückende Unerträglichkeit verschlief.

In Dortmund selbst stieg ich ein wenig angeschlagen aus wie man normalerweise in klimatisierte Fahrzeuge einsteigt: ins trockene, etwas kältere, entspannendere. (Vielleicht hätte ich mir an dem Abend auch einfach kein Hemd anziehen sollen.) Aus dem Bahnhof hinaus war noch immer der Unions–Brauerei–Turm mit seinem riesigen U zu sehen, in Sichtweite dazwischen seit meinem letzten Besuch nun auch die neue Stadtbibliothek mit ihren vielen Fenstern. Auch nicht gerade ein Wunschort zum Aufenthalt bei dem Wetter.

Wir suchten dann einen irischen Pub in Bahnhofsnähe auf, tranken Cider, schön kalt, und uns warm. Zwar lagen nicht viele Jahre zwischen uns, genug aber, um jeweils interessante Einsichten im Umgang mit und Verständnis vom Internet und insbesondere seinen sozialen Aspekten auszutauschen, und zusammen mit wieder genug Abstand zu den meisten anderen Anwesenden, um uns zu überlegen, wie es wohl erst in der Generation sein mag.

Danach gingen wir in einen amerikanisch angehauchten Laden während wir unser Gespräch fortführten, und gönnten uns ein Lokal–typisches Gerstengetränk. Im Hintergrund lief ein WM–Spiel; da erzählte ich, dass ich an sich kein großer Fußball–Fan sei, aber immerhin schon zwei Duisburg–Spiele im Stadion gesehen hätte—Sakrileg! Und schon etwas für das nächste Treffen in Dortmund hätten. Natürlich, wenn es mir denn nun in Dortmund gefallen würde.

Auf dem Weg in die Innenstadt besuchten wir noch kurz einen weiteren kleinen, eher szenemäßigen Laden in der Nähe der Oper für ein weiteres ebenso Lokal–typisches Bier—auch echt nett–, bevor wir uns dann am Rathausplatz, der auch der Marktplatz gewesen sein mag, draußen an ein Brauhaus setzten und ein echt sehr leckeres Bier tranken. Wir reflektierten ein wenig meinen Eindruck von Dortmund, der sich bis dahin schon zum positiven verändert hatte. Zeit, sich nun über’s Essen Gedanken zu machen! Ich erzählte von einer meiner Lieblingsküchen: der libanesischen. Im Unglauben, dass mein Stadtführer noch nicht in den Genuss dieser gekommen ist, und seinem Interesse (und Appetit) nach meiner Schwärmerei, setzten wir uns als nächstes Ziel Schawarma zu essen—was leichter gesagt als getan war, denn in Dortmund, zumindest in der Innenstadt, gäbe es wohl keine arabischen (Schnell–)Restaurants.

Durch ein aufschlussreiches Telefonat meines an sich schon selbst sehr ortskundigen Freundes erfuhren wir schließlich von einem libanesischem Restaurant in der Nähe der Innenstadt, das wohl gerade erst aufgemacht hätte. Zwar nicht weit entfernt, aber nicht zu finden, wenn man nicht weiß, wonach man suchen muss, begaben wir uns dorthin. Draußen rauchten einige gemütlich ihre Shisha und schauten uns verwundert an; wir nahmen innen Platz, wo gerade das zweite WM–Spiel an diesem Abend geschaut wurde. Geradezu sympathisch sprach nur die Kellnerin deutsch, während es beim Spiel keine Sprachprobleme gab. Wir bestellten uns dann etwas zu essen, unter anderem etwas Schawarma (aus Lammfleisch), das sich als das mitunter beste herausstellte, welches ich selbst je gegessen hatte, und Wochen später meinen Freund für spätere Genüsse dieser Art zwar äußerst positiv vorbelastete aber genauso enttäuschen würde. Danach tranken wir einen Kaffee und einen Tee, während wir noch ein wenig das Spiel mit den andren Gästen zu Ende sahen. Mit gebrochenen Arabisch verabschiedete ich uns schließlich, und die Kellnerin erwiderte das mit einem Ma’a salama, habibi. Gerne!

Auf dem Rückweg zum Bahnhof legten wir dann noch einen kurzen Stopp bei einem Festival–Zelt ein, das unsere Bestellung als letzte aufnahm. Wir schauten uns noch ein wenig vorbeiziehende Menschen an, die im Gegensatz zu uns wohl die Nacht noch erst beginnen lassen wollten. Am Bahnhof selbst kaufte ich mir dann eine Fahrkarte—unnötigerweise für einen ICE, da sonst kein Zug mehr fuhr –, wobei mich ein Schwarzer ansprach, dem ich kurz bei einem Fahrkartenkauf half, der exakt im selben Dilemma steckte, dazu noch kein Deutsch sprach, und ihm sonst keiner helfen konnte oder wollte. (Ihn sollte ich später wieder treffen.) Danach, als wir uns noch ein wenig unterhielten während wir auf unsere Züge warteten, klärten wir noch mal ab, dass ich Dortmund sehr gerne wieder einen Besuch abstatten würde, und sich (nicht nur deswegen) sicher das eine oder andere arabische Restaurant über einen Gast mehr freuen dürfte. Dann verabschiedeten wir uns, und ich freute mich auf eine ebenfalls anderthalb Stunden lange Fahrt mit sanfter oder vielleicht auch wachhaltender Musik.

Als ich dann am Gleis selbst stand, traf ich wieder auf die Kurzbekanntschaft vom Fahrkartenautomaten, die etwas verloren wirkte. Ich kam mit ihm ins Gespräch, und wir setzten uns im Zug nebeneinander. Er erzählte mir, dass er gerade aus Spanien kam, wo er bei der Frau eines Diplomaten wohnte, und nun wollte er eine Freundin treffen, von der er noch nicht herausgefunden hätte, ob sie lesbisch sei, oder die Einladung vielleicht auch etwas anderes bedeuten könnte. Das sei es jedenfalls wert gewesen diese Reise auf sich zu nehmen. Das, und ein Festival, wobei er mich fragte, ob ich wüsste, wo das Festival sei, und er erstaunt lauschte als ich ihm erzählte, dass nur an jenem Wochenende im Großraum NRW schon dutzende stattfinden würden. Zuerst verstand ich ihn dann nicht richtig, welches er meinte, und dachte, er wollte nach Solingen, bis sich heraus stellte, dass er ein Reggae–Festival in Köln meinte, am Fühlinger See. Dann unterhielten wir uns ein wenig über Gott und die Welt, wie er von Afrika über Frankreich schließlich in Spanien landete, aber auch schon einige Zeit in Großbritannien als Koch lebte. Spanien hätte ihm aber am besten gefallen. Natürlich, „I’ll be honest with you“, weil ihm dort auch die Frauen besonders gefielen. Schließlich landete unser Gespräch wieder beim Reggae–Festival, und ein wenig seiner logistischen Planung. Nicht mal, wo er dort übernachten wollte (er hatte nicht mal Handgepäck), sondern wie genau er dort hinkommen sollte.

Während ich versuchte, eine Verbindung zu finden, sprach uns dann jemand von der anderen Seite des Zuges an, ob wir denn auch zu dem Reggae–Festival wollten. Passend gechillt und mit Dreads lächelte er uns an, und wir lachten darüber, wie unwahrscheinlich doch so ein Treffen zu so einer Uhrzeit an so einem Ort sein würde. Nachdem wir alles notwendige zum Festival klärten (wir wussten, dass wir nichts genaues wussten, insbesondere, wie man denn nun dort hinkommen würde, aber immerhin wusste ich, wo der Taxi–Stand in Köln sein würde), tauschten auch wir uns ein wenig weiter aus. Mein Fahrkarten–Freund nutzte die Gelegenheit, um kurz ein wenig zu dösen. Vom nun Dritten im Bunde wiederum erfuhr ich, dass er gut durch Europa gekommen sei, soweit man eben ohne Reisepass aber dafür mit einem Daumen kommen würde. Dabei hätte er nur positive Erfahrungen gemacht, mit kleinen Gelegenheiten zum Arbeiten, aber besonders mit Menschen, die er dabei getroffen hätte. Nur in Marseille, wo er trotz mit kaum mehr als seinen Klamotten und einem Zelt mit einem Messer am Strand überfallen worden wäre, „kann ich in Zukunft verzichten“.

Schließlich landeten wir wieder beim Festival. Zwar fuhr ich selbst nicht hin, hatte aber etwas über das sehr interessante line–up gelesen, und so kamen wir auf einige Interpreten gezielt zu sprechen. Im weiteren Verlauf erzählte er mir, dass es da durchaus Probleme bei einigen jamaikanischen gegeben hätte, weil es auf Jamaika in der Szene einen nicht gerade kleinen Teil gäbe, der extrem homophob sei, und durch schwulenfeindliche Äußerungen und gar Hasstiraden auffallen würde—2009 sei deswegen schon einem Interpreten die Einreise nach Deutschland verweigert worden. „Das ist zwar alles andere als in Ordnung, aber irgendwie auch verständlich“, erklärte er mir, da es über Jahrzehnte geduldete sexuelle Übergriffe auf insbesondere Jungen gegeben hätte, und diese dann in den betroffenen Gruppen mit Homosexualität gleichgesetzt wurden, und sie mit diesem Hass aufwuchsen. „Der Ursprung des Rastafari im Alten Testament tat da sein Übriges“, ergänzte er. Insgesamt müsste noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, wobei es aber gute Hilfe von deutschen Künstlern gäbe, und auch deswegen solche Festivals noch immer durchaus politischen Charakter hätten.

Als wir dann schließlich über die Deutzer Brücke in den Bahnhof einrollten, mahnte uns ein etwas älterer Herr eine Reihe hinter uns an, doch nun bitte etwas ruhiger zu sein—schließlich wären wir in einem Ruhewagen, was wir wohl einfach nicht gesehen hatten. Er stieg dann allerdings ein paar Minuten später mit uns aus.

Im Bahnhof sollte sich dann noch ein weiter Mensch zu uns gesellen, der fröhlich auf uns zu torkelte, und wissen wollte, ob wir nicht auch zufällig zu dem Festival wollten. „Endlich Party, diese scheiß Zugfahrt!“ Ich führte sie noch kurz zum Taxistand, wo die drei sich ein Taxi teilen wollten. Wir verabschiedeten uns dann, und ich hörte noch kurz, wie der Taxifahrer 30 Euro Festpreis verlangte, obwohl wir im Zug ausrechneten, dass es wohl um die 20 sein müssten. Sie gaben sich geschlagen, weil sie wohl alle aus ihren Gründen einfach nur noch zum Fühlinger See wollten. Da auch für mich keine Bahn weiter fuhr, gönnte ich mir ebenfalls ein Taxi.

Als ich zum nächsten Taxi ging, lächelte mich mich der Fahrer bereits an. „Sind 20 Euro, wollte ihm das Geschäft nicht vermiesen, das gibt sonst nur Stress unter Kollegen“, begrüßte er mich. Ich stieg ein, und klärte ihn auf, dass ich woanders hin wollte. Und da wollte ich schnell hin, weil ich selbst nur noch schlafen wollte. Das muss ich wohl irgendwie falsch kommuniziert haben, denn dann fing er mir an zu erzählen: Dass er die Ecke kennen würde, wohin er mich fahren sollte, weil das früher sein Zustellbezirk bei einem Paketdienst war. „Gute Zeiten“, erzählte er mir, und dann ging es los. Alles paar Wochen hätte er eine neue gehabt, die ich im Rückbereich vom Lieferwagen vögeln konnte, „willige Hausfrauen, die beliefert werden wollten“. Aber all das nur, während er verheiratet gewesen sei. „Danach wollte keine mehr“, erklärte er mir, „Frauen riechen, ob du in einer Beziehung bist, und wollen dich nur dann“. Dann fing er an, Taxi zu fahren, und seine besten Kundinnen seien Prostituierte gewesen, die in Düsseldorf arbeiteten und sich nach Köln in ihre Wohnungen fahren ließen, und anders herum. Das Internet und so große Läden wie das Pascha hätten das aber kaputt gemacht, weil das alles dann so normal wurde. Schließlich musste er mir dann noch erzählen, wie er meinte, dass Schwule schwul werden würden: Bei ihrem ersten Analverkehr würde eine Art männlicher G–Punkt stimuliert und aktiviert, „der den Gefickten schwul machen würde“. Dann klingelte sein Telefon, und mit Stolz sprach er laut mit einem Freund „um noch was klar zu machen“.

Ich war froh, dass wir da schon in der Nähe meiner Wohnung waren und er ohnehin hielt. Länger hätte ich nicht mehr mitfahren wollen und können ohne etwas loszutreten. Da ich mir aber nach all seinen Erzählungen sicher war, dass das sowieso nichts gebracht hätte, bezahlte ich, während er noch kurz telefonierte, und verließ schnell das Taxi. Endlich einfach nur noch nach Hause kommen und in Ruhe schlafen.