Gesund und produktiv von zu Hause aus arbeiten

Ideen und Tipps für dich. Neun Minuten Lesezeit, vom 6. Mai 2020.

Die neue Normalität ist noch immer eine Generalprobe für viele von uns, und auch mit „Lockerungen“ wird es einige Zeit dauern, bis tatsächlich eine Art Alltag einkehrt — wie auch immer der aussehen mag.

Deshalb ein praktischer Artikel mit ein paar Ideen und Tipps, nachdem ich so lieb gefragt worden bin:

Was sind deine Tipps zum Arbeiten von zu Hause aus?

Mein Glück ist, dass ich schon seit Jahren überwiegend von zu Hause aus arbeite, und die Frage ist schön, um das wie dabei etwas zu reflektieren, wie ich das nicht nur anstelle, sondern auch meiner Antifragilität dadurch beigesteuert habe.

Deine Arbeitseinstellung entscheidet

Ich mag diesen Spruch „Selbstständig? Selbst und ständig!“ nicht. Und wenn schon nur deshalb, weil es das ist, was Angestellte aus welchen Gründen auch immer glauben, was Selbstständige tun. Oder was Selbstständige tatsächlich tun, wenn sie es falsch machen.

Trotzdem stecken in dem Spruch zwei wesentliche Dinge, die für alle besonders dann gelten, wenn sie von zu Hause aus arbeiten: Eigenverantwortung und Disziplin.

Was die Eigenverantwortung angeht, ist Motivation dabei ein wesentlicher Faktor. Und Motivation gepaart mit Disziplin sind letztlich das, was es braucht, um jede Art von Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen.

Da gibt es natürlich auch einen passenden Spruch zu, den ich dann gut finde: „Motivation, um das Ding an den Start zu bringen, aber Disziplin, um es am laufen zu halten.“

Denn Motivation alleine hilft dir nicht, und ganz besonders, wenn sie auf einmal ein Stück weit fehlt, da sie oft aus Ecken kommt, die du außer auf dem Foto auf deinem Schreibtisch vielleicht nicht so bewusst verortet hast: Weil dein Chef nicht mehr vor oder hinter dir steht, oder dein Team dich auf irgendeine Art und Weise motiviert, oder überhaupt, weil deine Arbeit an sich nicht mehr so sichtbar ist und dabei in irgendeiner Art und Weise wertgeschätzt wird.

Ob du also willst oder nicht: Früher oder später musst du dich damit auseinander setzen, was dich eigentlich motiviert. Und ich hoffe für dich, dass du dabei einer Arbeit nachgehst, die wichtig ist.

Zu Disziplin kannst du dich allerdings nur selbst bewegen und deinen Zugang dazu finden. Für mich war das in letzter Zeit besonders „Disziplin ist Freiheit“ von Jocko Willink.

Disziplin selbst hat auch viel mit Routine und Angewohnheiten zu tun. Was Routine angeht, befolge ich den „Maker’s Schedule“, mal mehr, mal weniger intensiv — und so widersinnig es erscheint, jetzt gerade viel intensiver als sonst. Worauf es dabei hinausläuft: Es gibt Arbeitszeiten, es gibt Zeiten zum Austausch, und es gibt Freizeit.

Damit geht einher:

Wie du konzentriert arbeitest

Gerade zu Hause ist es dir sicher schon aufgefallen, dass dich Kleinigkeiten noch mehr aus deinem konzentrierten Arbeiten reißen als an deinem regulären Arbeitsplatz, und du musst deshalb auch noch mehr als sonst dafür sorgen, ablenkungsfrei zu arbeiten.

Dafür hilft es dir, an jedem Sonntagabend (ja, sonntags) und jeden Tag am Ende des Arbeitstages die Aufgaben zu notieren, die du in der Woche respektive am nächsten Tag erledigen willst, was realistisch meist zwei oder drei pro Tag sind.

Jetzt kommt dieser eine Trick (Chefs hassen ihn), den du zu Hause endlich anwenden kannst: Wenn diese Aufgaben erledigt sind, dann hörst du für diesen Tag auf zu arbeiten. Das bedeutet nicht, dass du künftig nur noch Aufgaben abarbeitest, die eine Viertelstunde dauern, sondern, dass du ein realistisches Gefühl dafür entwickelst, wie lange die Aufgaben, denen du nachgehst, tatsächlich dauern, und du entsprechend planen kannst.

Deine Arbeit wird mittelfristig dadurch auch besser, weil du dich nicht auf andere Aufgaben einlässt, weil du nicht „noch eben schnell“ was anderes machst, was dann doch bis zum Abend dauert, und ganz einfach, weil du aufhörst deshalb zu arbeiten, „nur um zu arbeiten“, da es in Wirklichkeit keinen Sinn hat, außer deinen Chef zufrieden zustellen und am bescheuerten und sinnlosen Wettbewerb teilzunehmen, wer am längsten bleibt.

Die kurze Ableitung daraus ist: Ich kann dir nicht eindringlich genug sagen, wie wichtig Zeit ist, und du sie besonders wertzuschätzen lernst, wenn du eigenverantwortlich Dinge erledigst. Ja, es stimmt, unmittelbar machst du es für deinen Chef. Jetzt hast du allerdings die Freiheit, dich damit auseinander zu setzen, was das in deinen eigenem Umfeld für dich überhaupt bedeutet.

Was „Zeit“ angeht, benutze ich ein kleines tolles Werkzeug namens „Minutes“ — du kannst nutzen, was auch immer dir hilft, deine Zeit im Auge zu behalten und eine Übersicht zu haben.

Sei gepflegt und pflege dich

Ich finde es immer wieder erstaunlich, auf was für Dress Code bei der Arbeit direkt oder indirekt bestanden wird, nur um einen Casual Friday einzuführen. Letztlich geht es bei Arbeitskleidung um (Arbeits-)Uniformen, um Uniformität und um ein „Wir“-Gefühl, was durchaus verständlich ist. (Und in einigen Berufsgruppen angebracht.)

Mir hat meine Erfahrung gezeigt, dass angemessene Kleidung gepaart damit, gepflegt zu sein, allerdings ausschlaggebend ist. Du arbeitest von zu Hause aus: Deine Arbeitskollegen wissen das, und alle, die mit dir in eine Videokonferenz gehen, wissen das spätestens dann auch. Hemd und Krawatte sind da selten angemessen. Gepflegt zu sein hingegen schon, und zwar immer.

Nicht nur, dass die eigene Pflege ein Zeichen deines Selbstanspruchs ist — selbst wenn dein Arbeitgeber auf Anzug und Krawatte besteht, kannst du trotzdem nicht geduscht haben —, deine Pflege hilft dir, deine Routinen aufrecht zu halten.

Außerdem beeinflusst es deine Denkweise: Es hilft dir, dich für den Tag aufgestellt und vorbereitet zu fühlen, dich zu motivieren und deine Stimmung zu verbessern. Gerade wenn du von einem Ort aus arbeitest, der normalerweise zum Faulenzen und Entspannen einlädt.

Verwandt damit ist:

Halte deine Wohnung aufgeräumt

Ordnung ist das halbe Leben. Ist so. (Wenn das meine Mutter lesen sollte.) Die Sache mit der Ordnung ist die:

Deine Umgebung kann einen enormen Einfluss auf deine Stimmung, dein Verhalten und deine Motivation haben. Eine überfüllte und unordentliche Wohnung kann dazu führen, dass du dich unvorbereitet auf den Tag fühlst und deine Arbeit planlos und nachlässig erledigst. Wenn du dir die Zeit nimmst, deine Wohnung sauber zu halten, fällt es dir leichter, aufzustehen, dich anzuziehen und einen klaren Kopf für die Aufgaben, die dir bevorstehen, zu haben.

Und deine Umgebung beeinflusst auch deine Stimmung: Wenn deine Wohnung dreckig ist, wenn sich das Geschirr stapelt und die Wäsche aus den Körben quilt, dann fühlst auch du dich eher gestresst und überfordert. Da die Arbeit zu Hause bedeutet, dass du sie nicht von deinem Privatleben wirklich trennen kannst, musst du darauf achten, dass deine Umgebung sauber ist, damit sie dich nicht ablenkt.

Um da wieder bei meiner Mutter zu sein: Räum dafür am besten am Abend auf, auch deinen Arbeitsplatz, und du wirst dich am nächsten Morgen darüber sehr freuen, weil es dich einlädt etwas besseres — produktives — zu tun.

Mach Pausen

Auch wenn es verlockend ist, alle Aufgaben am Stück abzuarbeiten (selbst wenn du wirklich danach aufhörst), besonders, wenn du von zu Hause aus arbeitest, wo du dich an sich wohl fühlst: Pausen sind hier genauso wichtig wie im Büro.

Jede Dreiviertelstunde — länger kannst du dich wahrscheinlich ohnehin nicht bewusst auf eine Aufgabe konzentrieren — solltest du für ein paar Minuten bis zu einer Viertelstunde eine Pause einlegen, und zur Mittagspause vor der „Austauschzeit“ im Idealfall einen Spaziergang machen, um eben auch etwas anderes als die eigenen vier Wände zu sehen.

Und wenn du es leid bist, in dieser Zeit spazieren zu gehen, dann tue etwas, das produktiv ist, aber gleichzeitig entspannend wirkt. Du könntest zum Beispiel Geschirr spülen, deine Wäsche zusammenlegen und wegräumen oder mit deinem Haustier kuscheln.

Bewege dich und ernähre dich gesund

Es sollte sich eigentlich erübrigen, das gesondert zu erwähnen, nur scheinen besondere Zeiten zu besonders viel Pudding zu führen. Und mit Pudding meine ich uns selbst.

Ein großer Teil davon, gesund zu bleiben und produktiv zu sein, hängt von regelmäßiger Bewegung und gesunden Ernährungsgewohnheiten ab. Du brauchst die Endorphine, die Bewegung zu bieten hat.

Viele Menschen haben das Fitnessstudio aus ihrer täglichen Routine gestrichen. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass du ganz auf Bewegung verzichtest. Regelmässige Bewegung ist wichtig, da sie auch deine psychische Gesundheit verbessert und deine Stimmung hebt.

Tägliche Bewegung ist ohnehin etwas, das wir alle anstreben sollten, nicht nur, wenn wir von zu Hause aus arbeiten. Und wenn du zu Depressionen neigst, ist es wahrscheinlich auch nicht hilfreich, wenn du nicht viel rauskommst und deine sozialen Interaktionen einschränkst.

Dabei ist es natürlich auch wichtig, dass du dich gesund ernährst. Kohlenhydratbomben führen zum Suppenkoma — etwas, das du offensichtlich vermeiden willst, um produktiv zu sein, wenn du von zu Hause aus arbeitest, und besonders, wenn es dann noch in die Zeit fällt, in der du dich mit deinen Kollegen austauschst.

Und bevor es zum Umgang mit deinen Kollegen während des Home Office geht:

Wie du (technisch) sicher von zu Hause aus arbeitest

Da mache ich es mir an dieser Stelle einfach und verlinke auf diesen Artikel aus dem Rule Book hier: „Wie kann ich sicher und effizient im Home Office arbeiten?“ Dieser Artikel bietet dir eine sehr gute Übersicht über sämtliche Aspekte des (technisch) sicheren Arbeitens von Zuhause aus.

(OPSEC, oder auf auf Deutsch schön dramatisch „Feind hört mit“ ist genug Material für einen eigenen Artikel — und wenn du das für drüber hältst, dann nimmst du entweder deine Arbeit nicht ernst genug, oder sie ist tatsächlich nicht wichtig.)

Das indirekte Arbeiten mit deinen Kollegen

Dieser Tipp hier ist mein „Geheimtipp“; etwas, dass du nicht alleine zu Hause abarbeiten oder machen kannst, sondern eine Technik, die von deinem Team und dir gelebt werden muss. Und man, macht sie das Leben einfacher, für alle Beteiligten. Und schöner. Und sinnvoller. Daher werde ich mal kurz etwas philosophischer.

Diese Technik, auf die es ankommt, ist einfach zu verstehen und schwer zu implementieren: Jeder in deinem Team muss lesen. Und jeder in deinem Team muss schreiben.

Wenn du Werkzeuge zur Zusammenarbeit nutzt, die dir helfen sollen, dann ist die wirkliche Hilfe, auf die es ankommt, die, die dir beim Lesen und Schreiben hilft.

Damit meine ich nicht irgendwelche Gruppenchats, einzelne WhatsApp-Nachrichten oder im schlimmsten Fall kurze „Daumen hoch“ als Zeichen der Kenntnisnahme, sondern eine „Sinn-stiftende Erzählung“: Deine Teammitglieder und du müssen interpretieren und zusammenfassen, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird.

Wenn du wirklich effektiv und produktiv von zu Hause aus arbeiten können möchtest, dann lerne, lesen und schreiben zu können. Gib den Menschen in deinem Team und dir selbst die Zeit zum Lesen von Büchern — als Arbeitszeit.

Denn Geschichten, ganz besonders die gemeinsamen, helfen uns, eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, und sind die Voraussetzung für gemeinsame Ziele und gemeinsame Aktionen.

Wenn das nicht gerade jetzt besonders wichtig ist. (Und wenn du dabei Hilfe brauchst, sag Tim, ich habe dich geschickt.)

Was dann auch zum letzten Tipp in diesem Artikel führt:

Hab viele Videokonferenzen

Persönliche Interaktionen haben in dieser Zeit einen ganz besonderen Wert. Wenn du also normalerweise nur ein „Telefonanrufer“ bist, wird dir das Einschalten der Webcam helfen, dich in dieser Zeit weniger einsam zu fühlen. (Andere müssen das natürlich auch tun.)

Mit dem Gefühl, von anderen getrennt zu sein, wirst du nicht alleine sein. Und besonders hart ist es für die, die entweder von sozialer Interaktion leben — oder alleine leben. Eine gute Möglichkeit, das etwas abzumildern, sind Videoanrufe. Die Ausdrücke und Emotionen bei anderen sehen zu können, kann auf eine Weise helfen, die das bloße Hören ihrer Stimme nicht vermag.

Das gilt übrigens nicht nur für einen arbeitsbezogenen Austausch. Du solltest versuchen, das bei allen Anrufen zur Gewohnheit werden zu lassen, ob mit Familie, Freunden oder Kollegen.

In einer Zeit, in der wir persönliche Interaktionen reduzieren müssen, sind Videoanrufe das Nächstbeste.

Zum Schluss

„Krise als Chance“ ist auch so ein Sprichwort, über das sich sicherlich stundenlang sinnvoll streiten lässt. Ob du dich in dieser Zeit selbst etwas reflektierst, dich selbst etwas stärkst, du wirst nicht drum herum kommen, dich anzupassen.

Allerdings egal wie: Bleib gesund!

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