Die Stadien anderer

Werkzeuge versus Plattformen, und warum du Plattformen wie die Pest meiden solltest.

Drei Minuten Lesezeit. Veröffentlicht am 17. März 2013.

Google hat sich endgültig dazu entschieden, dass „nicht böse sein“ wohl nicht zwangsläufig bedeuten muss, Gutes zu tun oder gar gut zu sein1. Auch bei Twitter werden gerade Änderungen vollzogen, die den meisten Menschen wahrscheinlich egal sind, bei power usern (und deren App–Anbietern) allerdings auf viel, nur nicht auf Gegenliebe stoßen.

Die beiden Firmen stellen sich in die Reihe der Firmen, die nicht länger Werkzeuge anbieten, sondern ausschließlich eine Plattform sein wollen. Nur: Plattformen sind problematisch, und aus gutem Grund etwas, das du wie die Pest zu meiden versuchen solltest2.

Werkzeuge sind schließlich in der Regel einfache Dinge, die dir helfen, eine bestimmte Aufgabe zu bewältigen, und sich sonst aus deinem Leben heraushalten. Sie befähigen dich bei der richtigen Anwendung zu mehr als du ohne sie zu tun vermagst.

Plattformen hingegen können dir zwar auch helfen Probleme zu lösen. Allerdings geschieht das nur zu den Bedingungen der Plattform, innerhalb der Plattform, und nur für die Plattform—und bestimmt nicht in deinem Interesse (im Regelfall schlagen schließlich die Betreiber der Plattform aus deiner dort verbrachten Arbeit und Zeit Kapital.)

Das lässt sich so vereinfachen: Ein Werkzeug ist transparent. Eine Plattform ist es nicht. Du benutzt ein Werkzeug. Eine Plattform benutzt dich.

Unschwer zu erkennen, dass Werkzeuge eine Bedrohung für Plattformen darstellen: Mit dem richtigen Werkzeugkasten lässt sich jede Plattform umgehen. Nachvollziehbar da, dass sich Plattformen, sobald sie eine kritische Masse erreicht haben, immer stärker gegen jede Art von Werkzeug wehren, das nicht vollständig ihrem Interesse dient.3

Im meinem konkreten Fall bezüglich Google bedeutet das, dass ich echt sehr zufrieden mit RSS bin, und überhaupt keinen Sinn darin sehe, Google+ beizutreten. Für mich ist „da“ kein Mehrwert, für Google durch meine eventuelle Präsenz und Aktivität schon. Google hat den Google Reader abgeschossen um mich auf Google+ zu drängen, und mir damit ein Werkzeug genommen. Meine Reaktion ist allerdings: Ich verzichte auf Google, weil es mir keines mehr gibt.

Ich behaupte: Mit Werkzeugen hast du eine Wahl und kannst dich selbst bestimmen. Du baust dein Stadion. Betreibst dein Spiel.

Plattformen sind die Stadien anderer; es wird nicht mal mein Spiel gespielt. Dazu sind auch noch die Spielregeln meist nur teilweise einsehbar und können sich jederzeit und ohne vorherige Ankündigung ändern.

Nun mag mein Problem mit Plattformen wie naiver Idealismus wirken—Werkzeuge vs. Plattformen hat allerdings unmittelbare Auswirkungen auf etwas wirkliches: Geld.

Als ich mich selbstständig machte, herrschte eine Werkzeug–Umgebung im Internet vor, und große Plattformen taten sich gerade erst am Horizont auf. Meinen Kunden versuchte ich (leider erfolglos) mein Konzept von Ego–zentrisch vs. Netzwerk–zentrisch nahezubringen: Dass die Hoheit der Außendarstellung und generellen Kommunikation in der Ego–zentrischen Herangehensweise (das eigene Stadion) bei einem selbst liegt; wer sich allerdings einer Plattform bedient, dort die Spielregeln der Plattform gelten, und das spätestens mittelfristig nur der Plattform hilft, und langfristig sein Schicksal dem der Plattform unterordnet.

Vor ein paar Tagen hatte ein geschätzter Kunde, für den Twitter inzwischen ein Eckpfeiler seiner Kommunikations– und Werbestrategie ist, massive Probleme: Während der für ihn wichtigsten Messe des Jahres tauchten von seinen wichtigsten Twitter Accounts keine Tweets mit dem Hashtag zur Messe in der Suche auf. Dass ich keinen Einfluss darauf nehmen konnte, akzeptierte er letztlich zwar, dass seine Firma allerdings völlig einseitig und ohne Möglichkeiten einer Einflussnahme von einer Plattform abhängig ist, nicht, rief ihm mein Konzept in Erinnerung, und lässt uns seine Netzstrategie gerade überdenken.4

Nun glaube ich zwar nicht, dass wenn du ein Stadion baust, zwangsläufig auch die Leute kommen, aber wenn sie es tun, oder eben nicht, dann deinetwegen, in deiner Verantwortung, und zu deinen Bedingungen, und nicht in der anderer.

Vor nur einem halben Jahr noch wäre meine finanzielle Existenz übrigens von Googles Entscheidung wesentlich beeinträchtigt worden. Seit dem hat sich viel getan, und so kann ich Google sogar irgendwie dafür dankbar sein, mir nun endlich den letzten Grund genommen zu haben, seine Produkte zu nutzen und mich so in meiner Konsequenz weiter zu unterstützen.

  1. Google schaltet nicht nur den Google Reader ab und hört auf, die offene Kalender–Schnittstelle CalDAV weiter allgemein zu unterstützen, sondern entfernt auch Werbeblocker aus dem eigenen Store↩︎
  2. Ja, jetzt auch dich, Twitter. ↩︎
  3. Sinnvoll hingegen erscheint es mir nicht: Die power user und andere, die die Plattform groß gemacht haben, wandern ab, und schon steht das nächste große Ding vor der Tür. ↩︎
  4. „Weil da alle sind“ ist übrigens (nicht nur) im geschäftlichen Sinne nicht im Ansatz hilfreich. follow the money, und eben nicht follow the people↩︎