Von Mentalisten lernen

Von Mentalisten kannst du dir im Umgang mit Menschen eine Menge abschauen.

Fünf Minuten Lesezeit. Veröffentlicht am 22. November 2018.

Ich habe eine Schwäche für Zauberei, und neben Kartenspieltricks besonders eine für Mentalismus.1

Kartenspieltricks faszinieren mich, weil close-up magic für mich die hohe Kunst der Zauberei ist und meisterhafte Handwerkskunst sowohl in technischer Ausführung als auch im direkten Umgang mit dem Publikum offenbart. Mentalismus schätze ich sehr, weil er auf so vielfältige Art und Weise mit Menschen, ihrer Wahrnehmung und ihren Erwartungshaltungen und der Manipulation davon und letztlich den tatsächlichen Fähigkeiten der Mentalisten selbst zu tun hat.2

Gute Mentalisten haben ein breites Repertoire an technischen Fertigkeiten, an geistigen Fähigkeiten, viel Wissen über Menschen an sich, und die bewundernswerte Fähigkeit, all das auch noch überzeugend bei Menschen anwenden zu können. Davon kannst du dir im Umgang mit Menschen eine Menge abschauen, selbst wenn du kein Mentalist werden möchtest.3

Was du von Mentalisten lernen kannst:

Beobachten

Jeder sollte lernen, sich selbst und andere Menschen aufmerksam wahrzunehmen und zu beobachten um mehr als das zu sehen, was offensichtlich vor unseren Augen liegt, und nur nur darauf zu reagieren. Dazu musst du die verschiedenen Mittel und Wege kennen, wie Menschen miteinander kommunizieren, und insbesondere nonverbale Kommunikation bewusst verstehen lernen. Du kannst das, was du meinst, nicht wirklich überzeugend kommunizieren, wenn du deine nonverbale Kommunikation damit nicht in Einklang bringst, und du kannst genauso wenig andere Menschen mit ihren Aussagen wirklich einschätzen, wenn du die nonverbale Kommunikation bei ihnen nicht zu deuten weißt.

Es gibt drei wesentliche Fähigkeiten, die du dafür beherrschen musst:

Sich selbst beobachten: Am einfachsten lernst du von dir selbst. Wie fühlst du dich, wenn du über bestimmte Themen sprichst? Wie reagierst du auf verschiedene Menschen, Emotionen und Wörter? Sich selbst im Spiegel zu beobachten, wenn du an die verschiedensten emotionalen Themen denken, hilft dir bereits dabei, dich selbst besser einzuschätzen und gleichzeitig emphatischer mit anderen Menschen zu sein: Im Großen und Ganzen reagieren wir alle gleich.

Andere beobachten: Auch wenn wir im Großen und Ganzen alle gleich reagieren, musst du immer wieder abgleichen, wie andere Menschen diese Reaktionen ausdrücken und sie dabei aussehen. Einige Menschen ballen ihre Fäuste wenn sie wütend sind, andere beißen sich auf ihre Lippen, und wieder andere lassen ihre Zähne knirschen. Solche und viele anderen Reaktionen, die oft in Mischformen mit anderen Reaktionen in Erscheinung treten, kannst du nur durch Beobachten von Anderen und durch entsprechende Erfahrungswerte erlernen.

Mikro-Gesten lesen: Mikro-Gesten sind eine einfache aber effektive Art, mit der wir Gefühle zu bestimmten Themen im Gespräch mit anderen Menschen untermalen. Wenn du dir andere Menschen genauer ansiehst, kannst du diverse kurzzeitige Bewegungen, die sie machen wenn sie über verschiedene Dinge sprechen, erkennen. Es können zum Beispiel Hinweise wie das Kratzen am Hinterkopf und an der Nase sein, die einen Verdacht, dass jemand vielleicht nicht die Wahrheit sagt, unterstreichen.4

Zuhören: Bedeutung finden und Hintergründe erkennen

Beim Finden von Bedeutung und dem Erkennen von Hintergründen geht es darum zu verstehen worüber Menschen im Subtext sprechen und so heraus zu finden, was genau sie meinen wenn sie etwas sagen. Wenn du bewusst darauf achtest, ist das recht leicht, da wir meistens doch mehr über uns verraten als wir glauben es tatsächlich zu tun. Und wenn du dieses Wissen bei anderen Menschen zur Anwendung bringst, stellst du schnell fest, dass du viel von ihnen und über sie lernen kannst:

Ein guter Zuhörer sein: Wenn du viel hören möchtest, musst du umso mehr zuhören. Um das zu tun, brauchst du deine Aufmerksamkeit nur auf die Menschen zu richten denen du zuhörst, und dich darauf zu konzentrieren und die Inhalte von dem, was du hörst, bewusst aufzunehmen. Dabei musst du möglichst schnell mitdenken, damit du diese Inhalte zügig verstehen und interpretieren kannst um ihnen Aspekte beizufügen, die sich den meisten Menschen verschließen.

Lügen erkennen: Im Regelfall erzählen wir Lügen wenn wir möchten, dass die Situation zu unserer Zufriedenheit ausfällt, oder wenn wir nicht wirklich wissen wovon wir sprechen—in diesem Kontext solltest du versuchen zu ergründen, warum wir der Wahrheit nicht ins Auge schauen wollen. Um Lügen zu erkennen musst du genau darauf achten, in welcher Reihenfolge Aussagen getätigt werden und im Hinterkopf behalten, welche Worte dafür benutzt wurden. Es gibt einen bestimmten Punkt, an dem Lügner sich meist verraten, wenn sie diese Reihenfolge unterbrechen oder nicht zu den selben Worten finden.

Bewusst Fragen stellen: Eine gute Möglichkeit, um die Wahrheit heraus zu finden ist, Fragen so zu stellen, dass sie Menschen in die Richtung der gesuchten Wahrheit lenken. Dazu musst du mit deinen Fragen so allgemein anfangen, dass die Richtung, in die du das Gespräch lenken willst, nicht offensichtlich ist, und die Fragen dann nach und nach präzisieren, bis du schließlich beantwortet bekommst was du wirklich wissen möchtest.

Kontrolle in einem Gespräch erlangen und behalten

Wenn du bewusst und aktiv beobachtest und zuhörst, lernst du nicht nur sehr viel über andere Menschen: In Gesprächen strahlst du damit Gelassenheit aus und signalisierst bereits ein gewisses Maß an Selbstsicherheit und Status innerhalb einer Gruppe. Um schließlich vollumfänglich souverän aufzutreten, und Kontrolle in einem Gespräch zu erlangen und zu behalten, musst du dich selbst noch angemessen präsentieren:

Selbstsicher auftreten: Wenn du kurz lächelst, dein Gesicht still hältst und den Blickkontakt zu den Menschen hältst, mit denen du sprichst, vermittelst du Selbstsicherheit. In der Regel wollen Menschen auch keine akkuraten Informationen hören, sondern brauchen nur glaubwürdig vermittelte Hinweise um sich überzeugen zu lassen.

Nicht angeben: Wir möchten oft vor anderen Menschen besser da stehen als wir meist wirklich sind, und Angeben scheint eine einfache Lösung zu sein um die Bewunderung derer zu erhalten, die leicht zu beeinflussen sind. Was für den Angeber allerdings sinnvoll und unschuldig klingt nehmen wir wahr wie das Quietschen von Kreide auf einer Tafel.

Andere nicht schlecht machen: Andere schlecht zu machen ist eine sichere Möglichkeit deinen Charakter in der Versenkung verschwinden zu lassen. Kaum etwas ist unattraktiver als eine Person, die eine andere schlecht macht.

Freundlich und entwaffnend sein: Es hilft ungemein, wenn du gesprächig und gesellig bist, du andere Menschen aber nicht mit Worten überfaährst. Anderen Menschen solltest du immer Raum zum Reden geben, und keine selbstzerstörerischen Witze machen. Freundlichkeit bringt uns weit.

Sich natürlich benehmen: Du wirkst natürlich und überzeugend, wenn du das, was du sagst, leicht und spielerisch kommunizierst. In dem Augenblick, in dem du versuchst, jemand anderes zu sein, fühlst du dich nicht nur nicht mehr wie du selbst—Menschen neigen dann schnell dazu, dich als Ausverkauf wahrzunehmen.

Der Auftritt

Während Mentalisten eine Bühne haben, ist deine Bühne dein Alltag. Und anders als Mentalisten lieferst du auch keine Show ab, auch wenn du ebenfalls eine persönliche Marke zu schützen hast, besonders, wenn du wichtige Gespräche führst oder dich besonders präsentieren musst. Darauf kannst du dich genauso gut vorbereiten und wieder von Mentalisten lernen:

Die Familie nicht zum Proben nutzen: Deine Familie kennt dich in der Regel ziemlich gut, und ist entsprechend voreingenommen, genauso wie du von ihr. So wie sie eine gewisse Erwartungshaltung in deine Richtung hat, hast du eine in ihre. Es ist nahezu unmöglich, sich etwas einfallen zu lasen, von der sie nicht weiß, in welche Richtung es sich entwickelt. Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und deinen Auftritt zu verfeinern hilft dir weit aus mehr: Eine echte Möglichkeit zur Probe hast du ohnehin nicht.

Wissen, wo du sprechen solltest, und was: Du musst dich immer daran erinnern, wo du sprichst, und dabei immer an die Personen denken, mit denen du sprichst: Kontext ist für Könige. Dabei solltest du auf deiner Bühne immer Takt und Sorgfalt walten lassen, um mit Menschen um dich herum zu sprechen.

Sich nicht Dingen annehmen, die du vielleicht nicht handhaben kannst: Du solltest deine Grenzen kennen, und auch wissen, wie weit du sie ausreizen kannst. Ob es sich um einen Auftrag oder um etwas auf persönlicher Ebene handelt: Du solltest dich nie an Dinge binden, wenn dur dir nicht sicher sein kannst, dass du sie nicht durchziehen kannst. Statt dessen solltest du dich um Dinge kümmern, von denen du weißt, dass du sie managen kannst.

Die goldene Regel

Niemals aufhören zu lernen: Wir sind nicht perfekt, und wir wissen nicht alles. Jeder Tag ist eine neue Möglichkeit, um an dir zu arbeiten und dich zu verbessern und etwas Neues zu lernen. Es ist keine Schande, wenn du zugibst, dass du etwas nicht weißt, und deine Familie, Freunde und Kollegen nach Hilfe fragst und um Rat bittest. Niemand erwartet von dir, dass du alles weißt, also solltest du erst gar nicht versuchen dich mit dieser Aura zu umgeben.

  1. Und mein liebster Mentalist ist Derren Brown↩︎
  2. Und auch, weil es eine freundliche und nicht-bösartige Art ist, Menschen aufs Glatteis zu führen. ↩︎
  3. Ich bin mir aber doch recht sicher, dass deine Lieblingszahl die 7 ist. ↩︎
  4. Ja, sehr vereinfachtes Beispiel, und du weißt nie wirklich, ob jemand lügt. Insgesamt ist das so ein breites Feld, dass ich wenigstens die Lektüre von Büchern von Joe Navarro dazu empfehle. ↩︎