Von Schwindlern lernen

Du solltest etwas vorsichtiger sein.

Acht Minuten Lesezeit. Veröffentlicht am 15. Januar 2019.

Passend zum Mentalismus habe ich auch eine Schwäche für gute Trickbetrüger- und Schwindler-Geschichten, und ein schelmisches Vergnügen an Serien wie „Leverage“ oder „Hustle“ und an Filmen wie „Focus“. Wie es der Zufall will habe ich vor ein paar Tagen wieder einen der besten Filme zum Thema „großer Schwindel“ überhaupt gesehen: „Der Clou“.

Nur: Was ist ein großer Schwindel? Im großen und ganzen eine ausgeklügelte Betrugsmasche, die sich über mehrere Tage oder Wochen entfaltet und ein Team von Schwindlern und mitunter Requisiten, Bühnenbildern, Extras, Kostümen und Drehbüchern umfasst. Dieser Schwindel zielt darauf ab, das Opfer von riesigen Geldsummen oder wertvollen Dingen zu berauben, oft indem das Opfer dazu gebracht wird, seine Bankkonten zu leeren, sich von Familienmitgliedern Geld zu leihen, oder andere Menschen zu bestehlen.

Und was macht einen großen Schwindel im Detail aus, der über den „normalen“ Trickbetrug hinaus geht? Du kannst dir einige Elemente und Details wunderbar bei Filmen wie „Der Clou“ ansehen, und dir überlegen, was dir das beibringen kann um kein Opfer eines großen Schwindels zu werden.

Das Ziel

Jeder Schwindel braucht ein Ziel, das ausgenommen werden kann—an denen es nicht mangelt. Die wichtigsten Eigenschaften eines guten Ziels sind übermäßiges Selbstvertrauen und Gier:

Wenn du denkst, dass du besser im Beurteilen von Investments und Menschen als die meisten anderen bist, wenn du denkst, dass du etwas für nichts erwarten kannst, und wenn du ungerechtfertigtes Vertrauen in Menschen setzt, die Autorität ausstrahlen und dich zu mögen scheinen und dir schmeicheln.

Vielleicht bist du ziemlich intelligent, denkst allerdings, dass du etwas intelligenter bist als alle anderen. Vielleicht bist du nicht ganz ehrlich und deshalb zugänglich für ein wenig Trickserei, und bereit, eine Abkürzung zu nehmen um etwas dazu zu verdienen.

Religion kann dich ebenfalls anfälliger machen. Du glaubest vielleicht dem übernatürlichen heiligen Mann oder dem Hellseher; du denkst möglicherweise, dass Gott dir diese vom Himmel geschickte Gelegenheit ermöglicht hat: Der Glaube kann Hand in Hand gehen mit dem Vertrauen auf Autorität. Du denkst unter Umständen, dass du mehr verdienst als die Bösen, du ein Instrument der Rache gegen die böse Spielbank bist, gegen den Buchmacher oder die Bilderberg-Verschwörung.

Mangelndes Selbstbewusstsein und die Neigung, uns stark motivierten Argumenten hinzugeben, macht dich ebenfalls anfälliger. Wenn du das Geld wirklich brauchst, wenn du ein lebensveränderndes Ereignis hattest, das dich dazu bringt, nicht klar zu denken, dann bist du umso anfälliger.

Ziele sind typischerweise älter und typischerweise Männer; ein hochrangiges Landei vielleicht; allerdings hat niemand ein Monopol darauf ausgenommen zu werden. Vielleicht ist das Ziel ein Angestellter mit einem Spielproblem, das denkt, dass es das gute Leben mehr verdient als seine Chefs. Vielleicht ist es eine Frau mit zu viel Glauben an das Gute im Menschen und ihrem Bauchgefühl über sie.

Dein Hirn schützt dich auch nicht: Ziele betrügen sich selbst. Je intelligenter du bist, desto mehr hast du die Fähigkeit eine komplexe Narrative zu konzipieren und sie dich selbst glauben zu lassen. Je mehr Vertrauen du in dein Weltverständnis hast und eine Verbundenheit zu einem positiven Ergebnis—Gier—, desto anfälliger bist du für Schwindeleien.

Gute Ziele lassen sich auch nicht von ihrem Umfeld warnen, weil sich gute Ziele nicht warnen lassen. Genug Ziele sind vor Gericht gegangen um ihre Betrüger, die ihnen Geld abgeknöpft haben, zu verteidigen, und ihnen zu assistieren, dass sie selbst hereingelegt wurden und die Behörden eine doch so großartige Sache versaut haben.

Die Schwindler

Die Stars der Show sind der Angler und der Insider. Der Angler macht wohlhabende Ziele aus und findet mehr über sie heraus. Er gewinnt das anfängliche Vertrauen des Ziels und übergibt sie für einen Prozentsatz an den Insider.

Gute Schwindler haben Elemente der Dunklen Triade: Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus. Narzissmus erlaubt es ihnen, sich über andere zu stellen und zu zeigen, dass sie überlegen sind und alle anderen ein Ziel. Psychopathie ermöglicht es ihnen, keinerlei Mitgefühl für ihre Ziele zu erübrigen, und nur gerade eben genug Mitgefühl zu haben, um in den Kopf ihrer Ziele einzudringen und ihnen Nähe vorzutäuschen. Und über all dem steht ihr Machiavellismus mit der Annahme, dass wir in einer Welt leben, in der jeder gegen jeden kämpft, und dass es nur realistisch sei, dass jeder versucht alle anderen über den Tisch zu ziehen; dass es nicht den Spieler zu hassen gilt, sondern das Spiel. Es ist den Schwindlern dabei völlig egal, dass sie außerhalb der Regeln der zivilisierten Gesellschaft spielen und Elend verbreiten—„die Ziele haben es schließlich nicht anders verdient.“

Psychopathen und Angeber gibt es reichlich in rechtmäßigen Geschäften. Schwindler gehen einfach nur einen Schritt weiter. Wenn Schwindler außerhalb des Gesetzes operieren, darfst du nicht vergessen, dass sie damit nicht viel weiter außerhalb liegen als viele unserer gesellschaftlichen Säulen, die unter weniger finsteren Namen auftreten. Schwindler bringen nur eine ultimative und sehr logische Konsequenz aus bestimmten Tendenzen mit sich, die oft den verschiedenen Formen von rechtmäßigen Geschäften innewohnen.

Der Köder

Der Schlüssel zu einem guten Köder ist es zu verstehen, was das Ziel zu einem Rausch der Gier motiviert. Das kann falscher Stolz sein, oder wie in „Der Clou“ ein rücksichtsloser Drang nach Rache.

Wenn du geködert werden sollst, dann werden die Schwindler versuchen dir einen Gefallen zu tun, wie das Zurückgeben einer Brieftasche „aus gutem Herzen“, und fördern so Gegenseitigkeit. Noch besser ist es, wenn sie es schaffen, dass du ihnen von dir aus einen Gefallen tust, denn wenn du jemandem hilfst, dann sind sie es scheinbar wert dass du ihnen hilfst. Und wenn sie uns einen kleinen Gefallen erbringen, dann bist du auch dafür anfällig, ihnen einen etwas größeren Gefallen zu erwidern. Deswegen fragt dich der Schnorrer in der U-Bahn auch nur nach Kleingeld; du willst nicht als Geizhals erscheinen. Und dann hängst du am Haken.

Durch den Köder bringen sie das Ziel auf die nächste Stufe des Schwindels und haben es am Haken.

Das Angelseil und die Geschichte

Mit dem Angelseil zieht der Angler das Ziel zum Insider, der die Geschichte, eine großartige Geschichte von einer sicheren Sache, erzählt, so dass das Ziel im Kopf von sich aus zum unvermeidlichen Ende springt—oder zumindest glaubt es das. Die Schwindler geben dem Ziel das Gefühl, dass es die Kontrolle hat.

Sie zeigen dem Ziel einen Weg, um das zu bekommen, was es am meisten will, und lassen es sehen, dass es ein narrensicherer Plan ist. Der Angler kennt „zufällig“ einen Mann mit einem narrensicheren Plan, der die Leitung übernimmt. Und dann stecken sie alle unter einer Decke und machen den „echten“ Bösewicht dafür verantwortlich.

Der Überzeuger

Der Pump-and-Dumper lässt die armen Narren in erster Reihe einige Gewinne einfahren, um sie zu noch größeren Investitionen zu bringen und sie dazu zu ermutigen, es ihren Freunden zu erzählen.

Wenn die Schwindler das Ziel etwas verdienen lassen um es letztlich für den großen Schwindel aufzustellen, dann kommt das vom Überzeuger. Hin und wieder muss das Ziel zweimal überzeugt werden, und ein Beinahe-Fehler begeistert es mitunter mehr als ein Gewinn, weshalb viele Spielautomaten „Fast ein Jackpot!“-Schilder haben.

Der große Laden

Den Überzeuger bringt das Ziel in den großen Laden, wie in eine Spielbank oder zu einem Buchmacher; generell an einen Ort außerhalb der Komfortzone des Ziels, und das den Schwindlern einen Heimvorteil gibt, das Ziel emotionalisiert und es aufdrehen lässt. An dem Ort gibt es Lärm, Verwirrung und Zeitdruck und erzeugt das Gefühl von Knappheit: jetzt kaufen, bevor morgen alles teurer wird. Es gibt auch genug „Beweise“ für „Erfolg“ an diesem Ort, denn irgendwo scheint immer jemand groß abzuräumen. Und das Ziel wird auf Grund seines Egos zeigen wollen, dass es ein großer Held ist, dass es den Jargon kennt, und dass es mit den wirklich Großen mithalten kann.

Die Aufschlüsselung und das Absenden

Und dann scheint es so, als sei es die eigene Idee des Ziels, eine große Summe an Geld zu investieren. Das ist die Aufschlüsselung: Aushandeln, um wie viel das Ziel erleichtert wird. Im Trickbetrug wird das Ziel um alles erleichtert, was es bei sich hat. Im großen Schwindel versuchen die Schwindler, alles abzuluchsen was das Ziel zusammen kratzen kann. Der Unterschied ist das Absenden; das Ziel dazu zu bringen, alles zu setzen, zu betteln, zu borgen oder gar zu stehlen.

Das Ausnehmen beenden

Und letztlich wird das Ziel ausgenommen und das Ausnehmen dann beendet, allerdings auf eine Art und Weise, die den Schwindlern eine glaubhafte Abstreitbarkeit ermöglicht: Das war alles nur Pech, oder es war die Schuld vom Ziel, dass nicht das eingetreten ist, was das Ziel erwartet hat.

Das Abblasen

Nachdem die Schwindler das Geld des Ziels haben, müssen sie Abstand zwischen sich und das Ziel bringen, bevor ihm ein Licht aufgeht. Sie müssen es ablenken, damit es nicht bemerkt, was gerade passiert ist. Der Broker wurde krank oder wurde geschäftlich weggerufen und kann keine Anrufe beantworten, der Chef oder die Behörden lassen es nicht zu, dass er etwas für das Ziel tut.

Glaubwürdige Abstreitbarkeit ist das beste Abblasen. Wenn die Niederlage nur Pech oder gar die Schuld des Ziels war, dann kann das Ziel immer noch denken, dass die Schwindler die besten Freunde sind, und zu ihnen zurückkehren, um mehr Geld für ein zweites Ausnehmen zu sammeln.

Die Fehlerbehebung

Mit der Fehlerbehebung schützen sich die Schwindler vor dem Gesetz. In einem Schwindel, in dem das Ziel etwas außerhalb des Gesetzes getan hat, macht es für das Ziel sehr schwer damit zur Polizei zu gehen. In einem Schwindel, in dem das Ziel etwas dummes getan hat, wie zum Beispiel einem Wahrsager Geld gegeben zu haben, seine Frau betrogen zu haben, oder wertlosen Müll gekauft zu haben, lässt das Ziel daran hindern, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, da es wertvolles Ansehen im echten Leben kosten würde.

Schlussbemerkungen

Unser Bedürfnis zu glauben, Geschichten für wahr zu halten, die unsere Welt erklären, ist ebenso allgegenwärtig wie stark. Und du hast schließlich die meiste Arbeit für die Schwindler erledigt. Wir wollen an das glauben, was sie uns sagen. Ihr Genie liegt darin, herauszufinden, was genau du willst und wie sie sich als das perfekte Mittel präsentieren können um diesen Wunsch zu erfüllen.

Vertrauen wird evolutionär bevorzugt. Wir Menschen haben uns entwickelt, um in Gruppen zu agieren und uns mit anderen zu identifizieren. Gesellschaften mit mehr Vertrauen funktionieren besser und erleben mehr Wirtschaftswachstum. Die Evolution hat uns so geschaffen um Heuristiken zu verinnerlichen, die uns das Vertrauen in bestimmten Situationen vermitteln, in denen es vielleicht unbegründet ist.

Menschen, die sich einbilden können, dass Dinge zum besten stehen, funktionieren besser, sind disziplinierter, starten und beenden mehr Projekte. Athleten, die den Erfolg visualisieren können, gewinnen mehr Medaillen. Und Menschen sind berechenbar, vernünftig, und gut. Zumindest die meiste Zeit.

Wenn du denkst, dass du nicht anfällig für Betrügereien bist, liegst du wahrscheinlich falsch. Es ist, als würdest du gehackt, es kann den Besten von uns passieren. Und wenn du wirklich relativ unanfällig für Betrügereien bist, bist du vielleicht weniger vertrauensvoll als du sein solltest. Du kannst mit deinen Freunde nicht spielen als seien sie Ziele oder erwarten, dass sie sich wie Betrüger verhalten. Wenn du verlierst, sind sie manchmal deine Bremsen. Und es ist besser manchmal betrogen zu werden, als nie zu vertrauen.

Wahrscheinlich ist niemand von uns immun, wenn wir die richtige Motivation, die richtigen Umstände und einen erfahrenen Betrüger vor uns haben. Aber die Forderung nach einer guten unabhängigen Sorgfaltspflicht, der Beachtung von Warnsignalen, der Kenntnis von Geschichte, der Kenntnis von Überzeugungselementen und Tricks, und vor allem das Selbstbewusstsein, dass du langsamer machen solltest, wenn du dich mitreißen lässt, wird die meisten Betrüger nach anderen Zielen suchen lassen. Ein Bernie Madoff wird keinen Warren Buffett als Ziel auswählen. Er wird den Kerl als Ziel auswählen, der denkt, dass er die Erträge von Warren Buffett verdient, ohne sich dafür besonders stark bemühen zu müssen.

Die Schwindelei ist eine evolutionäre Gegenstrategie, eine spieltheoretische Lücke die funktioniert, wenn die Menschen vertrauenswürdiger sind als es gerechtfertigt ist. Der Kuckuck, der Eier in einem anderen Vogelnest ablegt, das Insekt, das Ameisenköniginnengeräusche nachahmt, damit Ameisen sich um sie kümmern, sind die Schwindeleien der Natur.

Es gibt ein natürliches Gleichgewicht, in dem es genug Vertrauen gibt, damit die Gesellschaft funktioniert, und genug Skepsis, um die Fähigkeit von Schwindlern, die Zivilisation zu zerstören, einzuschränken.

In der Blütezeit des großen Schwindels war die Welt klein, die Gemeinschaften wurden auf einem großen Maß an Vertrauen aufgebaut, sie kommunizierten nicht miteinander, es gab keine zentralen Ermittlungsbehörden. Der große Schwindel florierte.

Auf seltsame Weise hat das Internet einigen Schwindlern den Vorteil zurückgegeben. Die Gemeinschaften sind zersplittert. Unterhaltungen am Wasserspender, die früher privat waren, sind heute Interlopern ausgesetzt. Indem Menschen in einem „globalen Dorf“ verbunden sind, Klatsch und Tratsch und Gerüchte schnell verbreitet werden, ist eine gewisse soziale Dynamik der alten Zeiten von Mistgabelmassen und öffentlicher Beschämung zurückgekehrt.

Fotos und auch Audio und Video können gefälscht werden. Bist du also zu einer Welt der ewigen Schwindeleien und Fälschungen verdammt und hast das Vertrauen verloren? Ja und nein.

Ja, denn es gab schon immer Schwindlereien. Solange es Ziele mit ein wenig zu viel Vertrauen und Schwindler mit der Psychologie der Dunklen Triade gibt, wird es Betrug geben. Es gibt nie volle Immunität.

Und nein, denn Werkzeuge entwickeln sich, und selbst Menschen entwickeln sich. Erinnere dich daran, als alle dachten, dass das Internet die Verbreitung von Demokratie und Farbrevolutionen überall bedeutet? Jetzt haben wir Rechtspopulismus in Demokratien und eine ständige digitale Überwachung in Autokratien und Mafia-Staaten.

Das System hat keine Immunität gegen gefälschte Nachrichten entwickelt, die Extremismus antreiben, nicht weil Immunität unmöglich ist, sondern weil wir es noch nicht wirklich versucht haben, indem wir versuchen die Ziele von Fake News auszumachen sowie den negativen Akteure, die sie verbreiten, oder den Unterschied zwischen viralem Extremismus und Astroturf-Fake zu identifizieren.

Das natürliche Gleichgewicht zwischen Zielen und Schwindlern ist gestört. Im Laufe der Zeit werden wir die Werkzeuge und die Skepsis entwickeln, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Das solltest du hoffen, ohne deine Freiheit oder deinen Realitätsbezug zu verlieren.

Und in der Zwischenzeit solltest du vorsichtig sein.

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„Der Clou“ basiert zu großen Teilen auf „The Big Con“, das auch auch meine Hauptinspiration für diesen Artikel ist.