Das „social media device“

In: Leitideen
Scrollen

Sind dir auch schon die Zombies in den Großstädten aufgefallen? Besonders die in den öffentlichen Verkehrsmitteln? Diese weißen Ohrstöpsel Zombies. Menschen, die Musik hören1 und dabei so versunken und mit leerem Blick in den Zügen sitzen, oder durch die Stadtgärten wandern, ohne die Menschen um sie herum wahrzunehmen. Zum Glück sind sie nicht hinter Gehirnen her, aber ihre Gier nach sozialem Status verleiht ihnen eine ähnliche Beziehung zur Menschheit.

Nun, da das Sozialisieren ein immer und immer technischerer Akt wird—und es sieht nicht so aus, dass sich das in absehbarer Zukunft ändern würde—sollten wir uns vielleicht etwas einfallen lassen, diesen Zombies einen Weg zu zeigen, sich wieder mit anderen Menschen zu verbinden (wenn schon das ziehen der Ohrstöpsel keine Option ist).

Die Idee

Ich stelle vor: das social media device. Während man Musik hört, wird, wenn man an jemand anderem vorbeigeht, die Musik überblendet, und man hört, was die andere hört, und je näher man sich kommt, desto mehr wird die eigene Musik ersetzt.

Da gäbe es ein paar interessante Szenarien, die sich ergeben könnten, weil einem das Gerät spannende Dinge zeigt: Man könnte Menschen treffen, die einen ähnlichen Geschmack bei Musik haben (auch wenn sie aktuell nicht auf dem eigenen Gerät ist), man könnte wortwörtlich über neue und unbekannte Künstler stolpern (ein Entdeckungsmodus, wenn die Band nich in der eigenen digitalen Bibliothek ist, aber ähnlich dem ist, was man bereits hört), oder vollständig neue Entdeckungen machen (komplementär oder gegensätzlich zum eigenen Geschmack). Und wenn die Musik dann auch noch kostenlos ist (wie in Freibier), dann könnte sie unmittelbar übertragen werden.

Natürlich müsste die Musik nicht überblendet werden. Es könnte andere Formen der Benachrichtung geben. Und wer weiß, vielleicht würden diese ausdruckslosen Gesichter der Anonymität verschwinden (nicht in einem Orwell’schen Sinne).

Probleme (und Lösungsvorschläge)

Das könnte laut werden, wenn viel auf den Straßen los ist; es müsste also gefiltert werden

Nur die bestmöglichen Übereinstimmungen sollten sich hörbar bemerkbar machen. Andere Treffer könnten in einer Benachrichtung auf dem Gerät erscheinen, vielleicht nach einem Hinweisgeräusch (entsprechend der Übereinstummung).2

Eine Dating–Funktion scheint offensichtlich, aber sollte aus diversen Gründen vielleicht nicht vorhanden sein

Vielleicht zu kurz gedacht, aber das Gerät sollte kein alles–in–einem–Gerät sein, aber vielleicht eine erweiterbare Architektur haben, die das ermöglicht.3

Die Kommunikation—sowohl technisch als auch persönlich—muss von beiden Seiten erlaubt/erwünscht sein

Und wenn beide einem Treffen zustimmen, wie erkennen sie sich, wenn viel los ist? Zwischenlösung: Austausch von E–Mail–Adressen, Profilseiten, oder Telefonnumern (entsprechend der Datenschutzeinstellungen).4

Das Gerät abzusichern und eine abhörsichere Verbindung werden ein Problem sein

Das muss auf jeden Fall geplant werden, aber das social media device darf auf keinen Fall ein DRM–verseuchtes Gerät werden. Je offener, desto besser.5

Einfach zu bedienen und eine kritische Masse

So ein komplexes Gerät muss umso einfacher zu bedienen sein. Wenn die Bedienung merklich schwerer ist als die eines iPods, dann ist es nicht massentauglich. Außerdem muss eine kritische Masse an Benutzern vorhanden sein, damit es eine unmittelbare Gratifikation und gute Benutzererfahrung gibt.6

Das größte nicht–technische Problem ist der Datenschutz

Es dürfen absolut keine persönlichen Informationen übertragen werden, da dass ein Abgreifen nur provozieren würde (siehe RFID). Gegen eine kommerziellen Nutzung spricht nichts, aber der Benutzer sollte jederzeit ein opt–out vornehmen können, sowohl vom Teilen als auch von Werbung.7

Logische Überlegungen

  • Was genau ist „ähnlich“? last.fm ähnlich, oder The Filter ähnlich? Was ist komplementärer Musikgeschmack? Was ist das Gegenteil?8
  • Es sollte Mindestübereinstimmungen geben, da man sich wohl nicht auf Teufel komm raus „sozialisieren“ sollte9, wie zum Beispiel nur Einblenden von Treffern bei mindestens 70% Übereinstimmung.

Und bis dahin

Solange so ein Gerät technisch nicht haltbar ist, und man Kopfhörer trägt: Warum nicht einfach mal von Zeit zu Zeit anhalten, und Kopfhörereingänge mit einem Fremden tauschen?10

Was denkst du? Gibt es andere Möglichkeiten, wie so ein Gerät funktionieren könnte? Würdest du dich mit anderen Musikfreunden physisch „verbinden“ wollen?

  1. Nachtrag 13.01.2013: Smartphones waren 2008 noch eine echte Seltenheit. 

  2. Nachtrag 13.01.2013: Dementsprechend hatten Telefone noch kein notification center

  3. Nachtrag 13.01.2013: Und es gab auch noch kein richtiges Konzept von Apps (und das viele dutzende davon auf dem Smartphone haben würden), und erst recht keine echten Geo–basierten. 

  4. Nachtrag 13.01.2013: Ich konnte mir 2008 nicht vorstellen, dass es Menschen geben würde, die freiwillig überall ihr Profilbild hochladen würden. 

  5. Nachtrag 13.01.2013: Siehe 4

  6. Nachtrag 13.01.2013: was allerdings nicht mal Apple mit Friends geschafft hat. Vielleicht Whatsapp benutzen. 

  7. Nachtrag 13.01.2013: Mark Zuckerberg lacht gerade, und ich bin traurig. 

  8. Nachtrag 13.01.2013: The what? Immerhin last.fm gibt es noch. 

  9. Nachtrag 13.01.2013: Ich bewundere meinen damaligen Idealismus. Gäbe es das Gerät, es würde keine zwei Stunden bis zum ersten social media device optimization Spam dauern. 

  10. Nachtrag 13.01.2013: An mein damaliges Ich: Du hast nicht die Technik unter– und verschätzt, sondern den Menschen.