Gute Kunst lässt uns Unbehagen fühlen

In: Leitideen, Menschen
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Vor kurzem habe ich mir mal wieder die Webseite vom MoMA angesehen, und ich erinnerte mich dabei an eine Handtasche, die ich vor ein paar Jahren gesehen hatte, die „Guardian Angel.“

Ich habe mich daher gefragt, ob die Handtasche Kunst ist, und wenn ja, ob sie es deshalb ist, weil sie schön gestaltet wurde. Letztlich ist sie aber wohl Kunst, weil sie die Besitzer dazu zwingt, ständig daran zu denken und sich dessen bewusst zu sein, dass sie Menschen in ihrem Umfeld ernsthaft aufregen könnte. Sie ist Kunst, weil sie nicht ignoriert werden kann. Weil sie unbequem ist.

Eine teure Handtasche, die die Besitzer sich weniger bequem fühlen lässt, als wenn sie gar keine Handtaschen tragen würden, ist eine starke satirische Aussage über die Kompromisse, die wir zwischen Form und Funktion eingehen.

Und wenn man ehrlich ist, dann werden die Besitzer dieser Handtasche überdurchschnittlich gut aussehende, gut angezogene und heterosexuelle Frauen sein. Es ist nicht möglich, das relative Risiko vom Tragen dieser Handtasche einzuschätzen ohne in Betracht zu ziehen, wie sich Polizisten dazu entscheiden könnten die Träger zu beurteilen.

Die Haupteinsicht ist, dass man nicht einfach an Kunst, die einen Unbehagen fühlen lässt, vorbei gehen kann. Sie verlangt, dass man sie beobachtet und darüber nachdenkt.

Dabei geht es nicht um das Talent des Künstlers oder die Schönheit der Arbeit, oder Kunst, die übertrieben „drüber“ ist, einfach nur blutig ist, oder jede Art von gutem Geschmack vermissen lässt. Es ist keine Aussage darüber, was Kunst ausmacht.

Kunst, die einen gut fühlen lässt, rückt immer mehr in den Hintergrund und verschwindet schließlich. Sie fordert nicht, sie ist Dekoration.

Kunst kann schön und unbehaglich zur selben Zeit sein. Das ist für mich der Grund, warum Konzeptkunst, abstrakte Kunst und auch minimalistische Kunst sehr wohl viel Sinn hat: Sie sendet viele Beobachter in einen Zustand von Verwirrung, und die Wut, dass so viel Geld für einen roten Punkt ausgegeben wurde.

Wütend, dass das jemand anderes oder gar sie selbst hätten machen können, nur dass der rote Punkt im MoMA hängt.

Wütend, dass es noch immer dieser rote Punkt ist, an den sie Wochen später denken.

Hättest du was es braucht, um eine Handtasche zu tragen, die dich vielleicht erschießen lässt?

Irgendwie geht damit wohl die Definition von moderner Kunst einher: „Das hätte ich machen können!“ — „Ja, hast du aber nicht.“