Was soll das, das bin nicht ich

In: Menschen
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Als ich neulich ein wenig in meinem Archiv gelesen habe ist mir aufgefallen, dass je aktueller die Einträge sind, sie immer weniger Ich sind. Sie sind unpersönlich, ziehen sich hin, und sind ungefähr so mitreißend wie jeder andere Bericht, der auf dem eigenen Schreibtisch liegt und den man nicht weiter als den ersten Absatz liest.

Ich habe mich gefragt, wohin meine Kreativität und meine Ideen verschwunden sind, von denen ich wenigstens denke, dass ich sie mal hatte. Sind sie verloren in Kraftlosigkeit, Hilflosigkeit, verschüttet in Überforderung, oder sogar Wut und schlimmer Angst? Bin ich gelähmt vor Neid, wenn ich sehe, was andere tatsächlich machen, dass ich mich selbst nicht richtig ausdrücken kann und in einem Ozean aus bedeutungslosen Inhalten wieder finde, mit den anderen, die sich nur oben zu verhalten versuchen? Oder bin ich eingenommen von meiner täglichen Arbeit? Überstimuliert und leicht abgelenkt? Ist wirklich nichts mehr wert sich zu erinnern in meinem Leben?

Wo sind die Einträge aus all den Notizen, die ich im Laufe der Zeit abgelegt habe? Die Bücher, die ich gerne schreiben würde und dann doch nur immer wieder um Kommentare ergänze? Wie geht das Projekt voran, für das ich meine Selbstständigkeit aufgegeben habe und wieder „von 9 bis 5“ arbeite, so dass ich mehr Zeit für mich hätte? Wo ist meine proklamierte Selbstverantwortlichkeit? Das Ergebnis?

Und falls mein Tagebuch tatsächlich etwas repräsentativ sein sollte, sehe ich keinen echten Fortschritt für mich außerhalb der Firma, für die ich arbeite, und einen sehr inaktiven, langweiligen Eindruck von mir selbst. Ich bin im selben Gemütszustand schon so lange nun, grübelnd über Dinge, die am Ende doch nichts bedeuten. Und mir nichts bedeuten. Manchmal frage ich mich, was wohl meine Ex-Freundinnen von mir denken würden, wenn sie diesen bedeutungslosen Müll hier lesen.

Das ist eine beschissene Lethargie, und das ist nicht das, wie dieses Blog sein sollte, nicht das, was in meinem Tagebuch stehen sollte. Und schlimmer, dass ich nicht das, wie ich sein wollte, und was ich werden wollte. Ich habe mir selbst Ausreden geliefert und mir gesagt, dass es schwer ist irgendwer zu sein, wenn man jeder sein kann, oder dass ich von einer „Karriere“ und von „Verantwortlichkeiten“ eingenommen wäre—allerdings habe ich das einfach passieren lassen. Ich habe es passieren lassen, dass ich in einem Limbo von Dingen festsitze, die mich beschäftigt halten, aber nichts passieren lassen von dem, was ich will. Ein „Selbstzweckleben“. Eine höfliche und überzeugende Lüge von Notwendigkeiten die ich mir selbst erzähle um mein Hirn zu beruhigen. Ich weiß, dass ich zumindest denke, dass mir diese Dinge wichtig sind. Dass es okay wäre, dass ich noch nicht diese anderen—meine—Dinge getan habe, da ich noch all die Zeit der Welt dafür hätte. Allerdings weiß ich ich tief in mir, dass das Schwachsinn ist: Es ist nie zu spät, aber es zu spät eines Tages.

Also wer bin ich gerade? Alles außer dem Selbstbild, dass ich mal verfasst habe als ich meine Selbstständigkeit aufgegeben hatte, und das macht mich wütend, traurig, und es erschreckt mich.

Was soll der Scheiß. Das bin nicht ich. Ich weiß das, und ich weiß, dass an mir liegt, das zu zeigen und zu liefern, denn wenn ich es nicht tue, ist es, als würde ich nicht passieren—mir selbst gegenüber.

„Nur nichts tun ist niemals eine Option“ sagte ich einmal meiner besten Freundin, und wenn ich an sie denke und auf mein Leben schaue, dann habe ich das der falschen Person gesagt.

Zeit, etwas zu tun und zu ändern.