Unregelmäßigkeiten an Fahrkartenautomaten bei Zahlung mit Bargeld oder GeldkarteEin Brief an die Deutsche Bahn (2005)

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Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

vermutlich erwarten Sie jetzt einen weiteren Brief mit vorwurfsvollen Tiraden über Service und Qualität Ihres Arbeitgebers – und das stimmt. Einer von vielen; ich werde mich echauffieren, mir Mühe geben, meinen Sachverhalt und meinen Unmut darüber darzustellen, und im besten Fall werde ich von Ihnen — wenn überhaupt — eine Antwort in geringstem Aufwand zurückbekommen, welche wahrscheinlich der Form-Brief „Vielen Dank für Ihre Anregungen.“ sein wird.

Ebenfalls vermutlich stimmen Sie mir hier noch immer zu, nur sehen Sie — Fahrkartenautomaten sollten nicht nach diesem Prinzip funktionieren. Gestern am späten Nachmittag habe ich eine kurze Reise angetreten, wie sie bestimmt täglich zig tausendfach vorkommt, mit einem einfachen Fahrkartenwunsch, der bestimmt nicht viel seltener an Ihre Fahrkartenautomaten herangetragen wird.

In meinem Fall war es der Wunsch nach einer Fahrkarte für das Benutzen des Regionalverkehrs für die Strecke von Wuppertal-Barmen nach Bonn. Ein wenig naiv habe ich also erwartet, dass das tatsächlich funktioniert: Fahrtziel auswählen, bezahlen, Fahrkarte und Rückgeld erhalten. Schritt Eins bis Drei liefen auch zu meiner vollen Zufriedenheit, nur bei diesem leidigen Thema Geld hört es auf — seitens des Fahrkartenautomaten mit der Nummer 60321. Fast schon vorwurfsvoll blinkte mich das Ausgabefach an, als ich es meinerseits erwartungsvoll anschaute und auf mein Rückgeld wartete (€8,50).

Vermutlich sind mir die Regeln dieses Blink-Spiels entfallen, denn irgendwann hörte der Fahrkartenautomat damit auf und wartete auf den nächsten Spieler, Pardon, Fahrkartenkäufer. Ein wenig enttäuscht darüber, gegen einen Automaten verloren zu haben, habe ich den Kiosk in der Nähe aufgesucht, und um Hilfe gebeten. Der freundliche Angestellte war aber leider nicht zuständig und hat mir empfohlen, doch direkt bei den Herstellern dieses Spiels anzurufen.

Zum Fahrkartenautomat zurückgekehrt musste ich dann aber feststellen, dass die sonst optisch einwandfreie Vorderseite genau im Sichtbereich der Telefonnummer zertrümmert gewesen ist (siehe Anhang). Auch das gegenüberliegende Gerät (Nummer 60322, ebenfalls siehe Anhang) wies dieselben Merkmale auf — ein recht unfairer Zug (verzeihen Sie mir diese Anspielung), wenn man so gewinnen will.

Ein Unglück kommt natürlich selten allein, denn über diesen Spielverlust habe ich doch tatsächlich meinen Zug verpasst. Um die Zeit wenigstens produktiv zu nutzen, habe ich mich nach Wuppertal-Elberfeld begeben, um meinen aufgekommenen Unmut in einer Schlichtstelle, dem DB-Reisezentrum, Luft zu machen. Dort schilderte ich kurz meine Lage, und statt einer Schlichtung bekam ich dort einen Regelauszug zu hören und das Formular „Unregelmäßigkeiten an Fahrkartenautomaten bei Zahlung mit Bargeld oder Geldkarte“ in die Hand gedrückt. Es erstaunte mich schon ein wenig, dass es vorrätig war, denn von da an musste ich ausgehen, dass es regelmäßig Unregelmäßigkeiten in jenem Prozedere gibt.

Ich zog von dannen, auf Revanche aus — schließlich musste ich ja noch am selben Abend wieder zurückfahren. Selbstverständlich bedurfte es dann des I-Tüpfelchens, dass es keine direkte Regionalverbindung mehr nach Bonn in den nächsten 60 Minuten gab und ich umständlich über Bonn-Beuel fahren musste.

Ungefähr fünf Stunden später war es dann endlich so weit, psychisch gestärkt — schließlich hatte ich von einem Freund den nötigen Barausgleich für den erneuten Erwerb einer Fahrkarte erhalten, der mir wegen der verlorenen Spieleinlage ja entging: ein Schein (manchmal muss man ja das Schicksal herausfordern) und ein Geldstück (damit ich mir wenigstens noch etwas Süßes kaufen kann).

Ich wählte also mein Fahrtziel aus und wollte bezahlen. Natürlich überraschte mich der Fahrkartenautomat mit der Nummer 60735 am Beueler Bahnhof (denn, wie konnte ich es auch wirklich erwarten, fuhr keine Regionalbahn mehr um diese Uhrzeit vom Bonner Hauptbahnhof ab) mit einem neuen Spiel: „Schein rein —Schein raus“, welches ich, sogar ohne Modifikation meiner Spieleinlage, nach dem achten Versuch gewann.

Mein Erfolgserlebnis sollte aber nicht lange anhalten, denn als ich das erst kurz zuvor erhaltene Zwei-Euro-Stück hinterherwarf (um die Differenz von Zehn schon bezahlten zu den 1,50 noch verlangten Euro auszugleichen), verschwand das Geld mit einem Klacken im Münz-Nirwana.

Der Fahrkartenautomat versuchte wohl ein neues Spiel: „Ich habe nichts gemerkt“. Das hat er leider gewonnen, denn selbst nach einem relativ unkontrollierten Verbalanfall seitens mir leuchtete der Fehlbetrag noch immer auf.

Sie können sich vielleicht ein wenig vorstellen, wie ich mich fühlte, denn jetzt musste ich hoch Pokern und den ebenfalls gerade erst erhaltenen Geldschein einsetzen („Schein rein — Schein raus“ ging nach dem fünften Versuch in der zweiten Runde dann mit einem 2:0 für mich aus). Was dann passiert ist, können sie sich bestimmt ebenfalls schon denken. Klacken von Münzgeld, das ich bestimmt nicht mehr zu Gesicht bekommen würde, blinkendes Ausgabefach, ich habe verloren — nächster Spieler.

Immerhin waren es dieses Mal nur insgesamt €5,50, die ich bei diesem Spiel, dessen Regeln ich wohl niemals verstehen werde, verloren habe. Die Tatsache, dass die auch hier fast einwandfreie Front des Fahrkartenautomaten zufällig ebenfalls genau über der Servicenummer (siehe Anhang) zerstört war, hätte mir eigentlich zu denken geben sollen.

Es war Freitag der 13te, aber statt Aberglaube hätte ich leicht einer Konspiration verfallen können: manipulierte Fahrkartenautomaten mit einer Münzgeld-Mafia von Servicetechnikern, die durch diese Technik eine zeitnahe Beschwerde verhindern wollen.

Wenn Sie jetzt allerdings glauben, dass das alles war! Schließlich hatte mein Zug dann auch noch Verspätung, was unweigerlich dazu führte, dass ich meinen Anschlusszug in Köln verpasst habe. Die Zeit nutzte ich dann genauso produktiv wie schon — inzwischen war es nach Mitternacht — am Tag zuvor.

Ich suchte einen freundlichen Schiedsrichter in der Eingangshalle des Kölner Hauptbahnhofs auf, um ihn meinen inzwischen schon deutlich größeren Unmut zu schildern. Er schaute mich fragend an, und schließlich verlangte ich direkt nach dem Formular „Unregelmäßigkeiten an Fahrkartenautomaten bei Zahlung mit Bargeld oder Geldkarte“, von dem ich ja wusste, dass es das schon in produzierter Form gab.

Meinem Wunsch nach einem kostenlosen ICE-Aufschlag wollte er dann leider nicht nachkommen, und meinem deutlichen „Und jetzt?“ beantwortete er mit einem „Der nächste Zug fährt in einer Stunde.“ — Danke für das Gespräch.

Wenn schon in so einer Situation die knapp acht Euro für einen ICE-Aufschlag zu viel sind, hätte mich wenigstens über €1,80 für ein Kölsch im Früh gefreut und darüber vermutlich sogar die verlorene Summe von inzwischen €14,00 vergessen. So lud mich dann die Deutsche Bahn AG zu einem kostenlosen Aufenthalt in der mitternächtlichen Kölner Innenstadt ein, bei dem ich viele glückliche Autofahrer, Menschen, die sich freiwillig dort aufhielten, und solchen, die bestimmt nicht so viele Spiele an einem Abend verloren haben, bewundern durfte.

Vielen Dank, dass Sie meinen Schilderungen bis hierhin gefolgt sind, und ich hoffe, dass Sie diesen Brief nicht direkt dem nächsten Reißwolf zum Fressen vorsetzen. Vielleicht finde ich ja so jemanden, der mir die Spielregeln für Fahrkartenautomaten der Deutsche Bahn AG erklären kann.

Anbei finden Sie nebst den Bildern der nicht gerade fair spielenden Fahrkartenautomaten natürlich auch die beiden ausgefüllten Formulare über die „Unregelmäßigkeiten an Fahrkartenautomaten bei Zahlung mit Bargeld oder Geldkarte.“

Hochachtungsvoll,