Vom Schreiben eines persönlichen Tagebuches (endlich wieder)

In: Menschen, Vorgehen
Scrollen

Wenn ich darüber nachdenke, habe ich wohl vor Jahren damit aufgehört, weil es zu anstrengend war aus diversen Gründen. (In Wirklichkeit hat mich Resistance einfach verarscht.)

Sich abends die Zeit zu nehmen und den Tag zu reflektieren, um dann ein paar Schlüsselmomente zu „archivieren“, war wohl einer davon: Irgendwie erschien mir das nicht wirklich angenehm und überhaupt nicht produktiv—und hat dazu noch den Tagesablauf unnatürlich unterbrochen. Meist war es dann auch einfach zu spät, und meine Wut oder meine Freude waren ein paar Stunden später dann vielleicht gar nicht mehr so wütend oder so freudig.

Außerdem fing ich an, die Situationen zu bewerten, statt sie einfach nur möglichst objektiv zu notieren. Das half nicht wirklich bei der Reflexion; ich konnte nicht wirklich loslassen und habe meine Wahrnehmung internalisiert—statt sie eben hinter mir zu lasen.

Und wenn nichts passiert war, was dann nun doch häufig passierte, dann war das Schreiben über das Wetter keine Option.

Alles in allem fühlte es sich nicht richtig an.

Was hat sich geändert?

Nach allen den Jahren habe ich endlich einen Weg gefunden, oder genauer, er mich: Vielleicht bin ich ein schlechter Twitter–Nutzer, aber die exakt selbe Technik, sich Mikropausen zu nehmen und etwas aufzuschreiben, unmittelbar, nachdem es passiert war, war eine Offenbarung für mich. (Natürlich hätte ich das auch vor Jahren haben können, indem ich einfach ein Notizbuch benutzt hätte. Auf der anderen Seite kann ich meine eigene Handschrift nicht lesen, also habe ich es wohl nie in ernsthaft in Betracht gezogen.)

Innerhalb von Tagen hatte mein Tagebuch schon dutzende Einträge.

Jetzt ein Tagebuch schreiben

Wie ist das, jetzt wieder ein Tagebuch zu schreiben? Heute habe ich es mir in Ruhe angesehen um zu schauen, ob das wirklich der richtige Weg ist.

Als ich die Einträge der letzten Tage durchblätterte, sind mir einige Schlüsseleinträge in meinem Tagebuch aufgefallen:

Das Tagebuch als ein interner Monolog. Ist das wie Briefe (an jemanden) schreiben, die man nicht abschickt?

Und:

Alte Einträge zu früh erneut lesen, und dann wieder und wieder, ist Resistance.

Sowie:

Bin ich wirklich aufrichtig zu mir selbst in diesem Tagebuch, oder schreibe ich, was ich selbst später gerne lesen würde? (Dramatisiere ich? Untertreibe ich? Ist es meine Wahrnehmungn der Situation, über die ich schreibe, oder schreibe ich über die Situation selbst?)

Außerdem, innerhalb von nur einer Woche, war es eine grundlegende Offenbarung für mich, dass Müdigkeit ein immer wiederkehrendes Thema ist, dass ich treffend in einem Eintrag zusammenfasste:

Müdigkeit ist Lethargie.

In dem Moment, in dem ich das schrieb, fing ich an sicherzustellen, dass ich das ändern würde.

Ich hatte außerdem Fragen an mein zukünfigtes Ich gestellt. Als ich das bemerkte, hörte ich sofort damit auf, und legte den Fokus darauf, sie zu beantworten statt sie zu notieren.

Unglaublich.

Zusammengefasst

Seitdem ich wieder angefangen habe, haben sich einige Dinge für mich geändert, auch schon nach dieser kurzen Zeit.

Das könnte auch ein „warum“ sein: Vielleicht muss man nicht über alles mit jemandem reden, aber es nicht wenigstens (sofort?) aufzuschreiben ist sicherlich auch nicht gut.

Wenn mich jemand zum Beispiel ein Arschloch nennt, geht mir das am selben vorbei, besonders Stunden später. Wenn ich mich aber selbst so bezeichne, dann gibt das zu denken.

Es gibt also noch eine Menge für mich zu tun. Statt eine innere Unruhe zu haben, sich ständig „zum Besseren zu wandeln“, und dieses und jenes zu tun, ist es nun deutlich einfacher, sich auf etwas zu konzentrieren.

Und bei all den Dingen, die gerade passieren, wie sich die Welt verändert wie sie es nie zuvor tat, ist es genau an der richtigen Zeit.

Ich hätte niemals aufhören sollen, ein Tagebuch zu schreiben.