Von Mentalisten lernen

In: Menschen, Vorgehen
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Ich habe eine Schwäche für Zauberei, und neben Kartenspieltricks besonders eine für Mentalismus.1

Kartenspieltricks faszinieren mich, weil close-up magic für mich die hohe Kunst der Zauberei ist und meisterhafte Handwerkskunst sowohl in technischer Ausführung als auch im direkten Umgang mit dem Publikum offenbart. Mentalismus schätze ich sehr, weil er auf so vielfältige Art und Weise mit Menschen, ihrer Wahrnehmung und ihren Erwartungshaltungen und der Manipulation davon und letztlich den tatsächlichen Fähigkeiten der Mentalisten selbst zu tun hat.2

Gute Mentalisten haben ein breites Repertoire an technischen Fertigkeiten, an geistigen Fähigkeiten, viel Wissen über Menschen an sich, und die bewundernswerte Fähigkeit, all das auch noch überzeugend bei Menschen anwenden zu können. Davon kann man sich im Umgang mit Menschen eine Menge abschauen, selbst wenn man kein Mentalist werden möchte.3

Was man von Mentalisten lernen kann:

Beobachten

Jeder sollte lernen, sich selbst und andere Menschen aufmerksam wahrzunehmen und zu beobachten um mehr als das zu sehen, was offensichtlich vor unseren Augen liegt, und nur nur darauf zu reagieren. Dazu müssen wir die verschiedenen Mittel und Wege kennen, wie Menschen miteinander kommunizieren, und insbesondere nonverbale Kommunikation bewusst verstehen lernen. Wir können das, was wir meinen, nicht wirklich überzeugend kommunizieren, wenn wir unsere nonverbale Kommunikation damit nicht in Einklang bringen, und wir können genauso wenig andere Menschen mit ihren Aussagen wirklich einschätzen, wenn wir die nonverbale Kommunikation bei ihnen nicht zu deuten wissen.

Es gibt drei wesentliche Fähigkeiten, die man dafür beherrschen muss:

Sich selbst beobachten: Am einfachsten lernen wir von uns selbst. Wie fühlen wir uns, wenn wir über bestimmte Themen sprechen? Wie reagieren wir auf verschiedene Menschen, Emotionen und Wörter? Sich selbst im Spiegel zu beobachten, wenn wir an die verschiedensten emotionalen Themen denken, hilft uns bereits dabei, und selbst besser einzuschätzen und gleichzeitig emphatischer mit anderen Menschen zu sein: Im Großen und Ganzen reagieren wir alle gleich.

Andere beobachten: Auch wenn wir im Großen und Ganzen alle gleich reagieren, müssen wir immer wieder abgleichen, wie andere Menschen diese Reaktionen ausdrücken und sie dabei aussehen. Einige Menschen ballen ihre Fäuste wenn sie wütend sind, andere beißen sich auf ihre Lippen, und wieder andere lassen ihre Zähne knirschen. Solche und viele anderen Reaktionen, die oft in Mischformen mit anderen Reaktionen in Erscheinung treten, können wir nur durch Beobachten von Anderen und durch entsprechende Erfahrungswerte erlernen.

Mikro-Gesten lesen: Mikro-Gesten sind eine einfache aber effektive Art, mit der wir Gefühle zu bestimmten Themen im Gespräch mit anderen Menschen untermalen. Wenn wir uns andere Menschen genauer ansehen, können wir diverse kurzzeitige Bewegungen, die sie machen wenn sie über verschiedene Dinge sprechen, erkennen. Es können zum Beispiel Hinweise wie das Kratzen am Hinterkopf und an der Nase sein, die einen Verdacht, dass jemand vielleicht nicht die Wahrheit sagt, unterstreichen.4

Zuhören: Bedeutung finden und Hintergründe erkennen

Beim Finden von Bedeutung und dem Erkennen von Hintergründen geht es darum zu verstehen worüber Menschen im Subtext sprechen und so heraus zu finden, was genau sie meinen wenn sie etwas sagen. Wenn wir bewusst darauf achten, ist das recht leicht, da wir meistens doch mehr über uns verraten als wir glauben es tatsächlich zu tun. Und wenn wir dieses Wissen bei anderen Menschen zur Anwendung bringen, stellen wir schnell fest, dass wir viel von ihnen und über sie lernen können:

Ein guter Zuhörer sein: Wenn wir viel hören möchten, müssen wir umso mehr zuhören. Um das zu tun, brauchen wir unsere Aufmerksamkeit nur auf die Menschen zu richten denen wir zuhören, und uns darauf zu konzentrieren und die Inhalte von dem, was wir hören, bewusst aufzunehmen. Dabei müssen wir möglichst schnell mitdenken, damit wir diese Inhalte zügig verstehen und interpretieren können um ihnen Aspekte beizufügen, die sich den meisten Menschen verschließen.

Lügen erkennen: Im Regelfall erzählen wir Lügen wenn wir möchten, dass die Situation zu unserer Zufriedenheit ausfällt, oder wenn wir nicht wirklich wissen wovon wir sprechen—in diesem Kontext sollten wir versuchen zu ergründen, warum wir der Wahrheit nicht ins Auge schauen wollen. Um Lügen zu erkennen müssen wir genau darauf achten, in welcher Reihenfolge Aussagen getätigt werden und im Hinterkopf behalten, welche Worte dafür benutzt wurden. Es gibt einen bestimmten Punkt, an dem Lügner sich meist verraten, wenn sie diese Reihenfolge unterbrechen oder nicht zu den selben Worten finden.

Bewusst Fragen stellen: Eine gute Möglichkeit, um die Wahrheit heraus zu finden ist, Fragen so zu stellen, dass sie Menschen in die Richtung der gesuchten Wahrheit lenken. Dazu müssen wir mit unseren Fragen so allgemein anfangen, dass die Richtung, in die wir das Gespräch lenken wollen, nicht offensichtlich ist, und die Fragen dann nach und nach präzisieren, bis wir schließlich beantwortet bekommen was wir wirklich wissen möchten.

Kontrolle in einem Gespräch erlangen und behalten

Wenn wir bewusst und aktiv beobachten und zuhören lernen wir nicht nur sehr viel über andere Menschen: In Gesprächen strahlen wir damit Gelassenheit aus und signalisieren bereits ein gewisses Maß an Selbstsicherheit und Status innerhalb einer Gruppe. Um schließlich vollumfänglich souverän aufzutreten, und Kontrolle in einem Gespräch zu erlangen und zu behalten, müssen wir uns selbst noch angemessen präsentieren:

Selbstsicher auftreten: Wenn wir kurz lächeln, unser Gesicht still halten und den Blickkontakt zu den Menschen halten, mit denen wir sprechen, vermitteln wir Selbstsicherheit. In der Regel wollen Menschen auch keine akkuraten Informationen hören, sondern brauchen nur glaubwürdig vermittelte Hinweise um sich überzeugen zu lassen.

Nicht angeben: Wir möchten oft vor anderen Menschen besser da stehen als wir meist wirklich sind, und Angeben scheint eine einfache Lösung zu sein um die Bewunderung derer zu erhalten, die leicht zu beeinflussen sind. Was für den Angeber allerdings sinnvoll und unschuldig klingt nehmen wir wahr wie das Quietschen von Kreide auf einer Tafel.

Andere nicht schlecht machen: Andere schlecht zu machen ist eine sichere Möglichkeit unseren Charakter in der Versenkung verschwinden zu lassen. Kaum etwas ist unattraktiver als eine Person, die eine andere schlecht macht.

Freundlich und entwaffnend sein: Es hilft ungemein, wenn wir gesprächig und gesellig sind, wir andere Menschen aber nicht mit Worten überfahren. Anderen Menschen sollten wir immer Raum zum Reden geben, und keine selbstzerstörerischen Witze machen. Freundlichkeit bringt uns weit.

Sich natürlich benehmen: Wir wirken natürlich und überzeugend, wenn wir das, was wir sagen, leicht und spielerisch kommunizieren. In dem Augenblick, in dem wir versuchen, jemand anderes zu sein, fühlen wir uns nicht nur nicht mehr wie wir selbst—Menschen neigen dann schnell dazu, uns als Ausverkauf wahrzunehmen.

Der Auftritt

Während Mentalisten eine Bühne haben, ist unsere Bühne unser Alltag. Und anders als Mentalisten liefern wir auch keine Show ab, auch wenn wir ebenfalls eine persönliche Marke zu schützen haben, besonders, wenn wir wichtige Gespräche führen oder uns besonders präsentieren müssen. Darauf können wir uns genauso gut vorbereiten und wieder von Mentalisten lernen:

Die Familie nicht zum Proben nutzen: Unsere Familie kennt uns in der Regel ziemlich gut, und ist entsprechend voreingenommen, genauso wie wir von ihr. So wie sie eine gewisse Erwartungshaltung in unsere Richtung hat, haben wir eine in ihre. Es ist nahezu unmöglich, sich etwas einfallen zu lasen, von der sie nicht weiß, in welche Richtung es sich entwickelt. Sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und unseren Auftritt zu verfeinern hilft uns weit aus mehr: Eine echte Möglichkeit zur Probe haben wir ohnehin nicht.

Wissen, wo man sprechen sollte, und was: Wir müssen unser immer daran erinnern, wo wir sprechen, und dabei immer an die Personen denken, mit denen wir sprechen: Kontext ist für Könige. Dabei sollten wir auf unserer Bühne immer Takt und Sorgfalt walten lassen, um mit Menschen um uns herum zu sprechen.

Sich nicht Dingen annehmen, die man vielleicht nicht handhaben kann: Wir sollten unsere Grenzen kennen, und auch wissen, wie weit wir sie ausreizen können. Ob es sich um einen Auftrag oder um etwas auf persönlicher Ebene handelt: Wir sollten uns nie an Dinge binden, wenn wir uns nicht sicher sein können, dass wir sie nicht durchziehen können. Statt dessen sollten wir uns um Dinge kümmern, von denen wir wissen, dass wir sie managen können.

Die goldene Regel

Niemals aufhören zu lernen: Wir sind nicht perfekt, und wir wissen nicht alles. Jeder Tag ist eine neue Möglichkeit, um an uns zu arbeiten und uns zu verbessern und etwas Neues zu lernen. Es ist keine Schande, wenn wir zugeben, dass wir etwas nicht wissen, und unsere Familie, Freunde und Kollegen nach Hilfe fragen und um Rat bitten. Niemand erwartet von uns, dass wir alles wissen, also sollten wir erst gar nicht versuchen uns mit dieser Aura zu umgeben.

  1. Und mein liebster Mentalist ist Derren Brown↩︎
  2. Und auch, weil es eine freundliche und nicht-bösartige Art ist, Menschen aufs Glatteis zu führen. ↩︎
  3. Ich bin mir aber doch recht sicher, dass deine Lieblingszahl die 7 ist. ↩︎
  4. Ja, sehr vereinfachtes Beispiel, und wir wissen nie wirklich, ob jemand lügt. Insgesamt ist das so ein breites Feld, dass ich wenigstens die Lektüre von Büchern von Joe Navarro dazu empfehle. ↩︎