Ben Wittorf

Die einfache Geschichte der Zivilisation

Ein Artikel von Tom Murphy, Professor für Physik an der Universität von Kalifornien, San Diego, USA. Übersetzung von Ben Wittorf.


Die Geschichten, die wir über uns selbst erfinden, sind stark von unserer kurzen Lebensspanne in einer Zeit beispielloser Komplexität geprägt. Wir Menschen, so scheint es, sind unergründlich komplizierte Geschöpfe, die sich einer einfachen Charakterisierung entziehen. Tiere oder Menschen, die vor Zehntausenden von Jahren lebten, eignen sich für einfache Geschichten, allerdings nicht für den transzendenten modernen Menschen.

„Story-Book“ von Mystic Art Design
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Zwei große Probleme, die ich mit dieser Einstellung habe, sind, dass wir 1.) Tiere sind und 2.) genau die gleiche Hardware haben (wenn auch mit etwas kleineren Gehirnen) wie vor 100.000 Jahren.

Daher erlaube ich mir, aus unserem heutigen Zeitalter der verwirrenden Komplexität herauszutreten und eine einfache Geschichte zu skizzieren, die den großen Bogen der menschlichen Geschichte spannt. Das Ergebnis mag ein wenig erschreckend sein und wird für einige Leser sicher von kulturellen Antikörpern als „nicht anwendbar“ zurückgewiesen werden (siehe auch meine Ansichten über unsere Zivilisation als Kult).

Übersicht

Zeitleiste der Geschichte

Um die riesige Zeitspanne, die der Mensch auf diesem Planeten verbracht hat – sie ist 5.000 Mal kürzer als das Alter des Universums – verständlich zu machen, werde ich die 2,5 bis 3 Millionen Jahre, die der Mensch (Gattung Homo) auf der Erde lebt, mit einer Lebensspanne von 75 Jahren vergleichen: eine Spanne, die wir intuitiv erfassen können. Auf dieser Skala erhalten wir die folgenden analogen Zeiträume:

  1. Die ersten 70 Jahre: verschiedene Arten von Menschen entwickeln sich und koexistieren (nachhaltig) auf dem Planeten;
  2. Die letzten 5 Jahre: das Zeitalter des Homo Sapiens (ca. 200.000 Jahre; meist nachhaltig);
  3. Die letzten 15 Wochen: das Zeitalter der Zivilisation (Landwirtschaft; dann Städte) (10.000 Jahre);
  4. Die letzten 4 Tage: das Zeitalter der Wissenschaft (400 Jahre);
  5. Die letzten 36 Stunden: das Zeitalter der fossilen Brennstoffe (150 Jahre mit zunehmend bedeutender Nutzung);
  6. Die letzten 12 Stunden: das Zeitalter der rasanten globalen Umweltzerstörung (50 Jahre).

Auf dieser Skala der Lebenszeit ist die Landwirtschaft ein neues, unerwartetes Hobby, das wir erst in den vergangenen Wochen aufgenommen haben und das für uns noch ziemlich neu ist. Vielleicht können wir es auch mit einer Einstiegsdroge vergleichen, die unser Verhalten, unsere Werte, unsere Einstellungen und unsere Erwartungen radikal verändert hat (und uns den Heißhunger verpasst hat?). Oder vielleicht ist es wie das schnelle Auftreten einer psychischen Störung. In jedem Fall wären unsere Freunde und Verwandten ziemlich beunruhigt über diese untypische Veränderung am Ende eines langen Lebens.

In den vergangenen vier Tagen haben wir unser Hobby auf eine ganz neue Ebene gebracht. Denn in der Landwirtschaft geht es darum, zumindest einen Teil der Natur zu kontrollieren. Die Wissenschaft hat diese Kontrolle auf Steroide gebracht. Vielleicht ist es so, als würde Kokain auf die Einstiegsdroge folgen. Sie gab uns einen Mechanismus an die Hand, mit dem wir aus kontrollierten Experimenten lernen und dann eine (unvollkommene, problematische) Kontrolle über eine wachsende Anzahl von Bereichen ausüben konnten. Es hat die Dinge „aufgemotzt“.

Ungefähr in den vergangenen beiden Tagen haben wir einen noch wirksameren Hebel gefunden. Mal sehen … Ich habe bereits Steroide für den vorherigen Schritt verwendet, was wären also Steroide auf Steroiden? Fossile Brennstoffe haben uns mit Superkräften ausgestattet, die es uns ermöglichen, unsere wissenschaftlich gesteuerten Ambitionen auf ein bisher unvorstellbares Niveau zu heben. Ich erinnere mich an die Gruselfilme meiner Jugend, in denen Drogen wie PCP uns Superkräfte vorgaukeln, sodass wir in der Überzeugung, fliegen zu können, gerne aus dem Fenster springen. In ähnlicher Weise haben uns die Superkräfte, die diese kurzlebige, endliche Ressource verleiht, dazu verleitet zu glauben, dass diese Kräfte eine dem Menschen innewohnende Eigenschaft sind: Wir verdanken sie unseren großen Gehirnen, nicht der Substanz. Von dieser falschen Schmeichelei verführt, reden wir uns ein, dass nichts unseren grenzenlosen Innovationskoloss aufhalten kann!

In diesem veränderten Zustand befinden wir uns in einem zerstörerischen Wettlauf, wie der schwere Tribut an die Lebensräume und die biologische Vielfalt zeigt: Etwa 85 % der Primärwälder sind verschwunden; seit 1970 sind die Wirbeltierpopulationen im Durchschnitt um etwa 70 % zurückgegangen; und 96 % der Säugetiermasse auf dem Planeten sind heute in Menschen und unserem Viehbestand zu finden. Die Zusammenhänge sind nicht schwer zu erkennen. Die Kombination der uns zur Verfügung stehenden Methoden und Stoffe hat eine explosive Ausbeutung der Ressourcen auf globaler Ebene ermöglicht. Es verbleibt eine geringe und abnehmende Menge an Lebensraum, der immer stärker fragmentiert wird. Die gesunden, artenreichen Regionen verschwinden schnell.

Überlegen wir also, wie wir auf einen 75-jährigen Verwandten reagieren würden, der einen so extremen und schädlichen Rausch durchlebt, wie es in dieser Geschichte der Fall ist. Es ist, als ob diese ansonsten stabile und (überwiegend) harmlose Person so schnell in manisches Verhalten verfällt, dass wir fassungslos sind. Es ist so erschütternd wie ein Aufprall; als ob wir gegen eine Mauer stoßen. Wir könnten sogar vermuten, dass in der Bauchhöhle unseres Verwandten ein außerirdisches Baby heranwächst, so abwegig ist sein Verhalten. Zur Sicherheit unseres Verwandten und aller Menschen in seiner Umgebung würden wir ihn wahrscheinlich betäuben und zur Beobachtung in einem Krankenhaus festschnallen lassen. Ironischerweise hat unsere jüngste „Hobby“-Besessenheit von Kontrolle dazu geführt, dass wir außer Kontrolle geraten sind.

Der Hintergrund oder die Struktur deiner gesamten Existenz – die wenigen Stunden, in denen du nach unseren Maßstäben am Leben bist – erscheint dir völlig normal, aber der Sinn dieses Posts ist, dass es eben nicht so ist.

Keine einfache Lösung

Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Zustand durch Technologie gelöst werden kann. Würden wir nicht sagen, dass die Technologie ein Hauptbestandteil der Krankheit ist? Cleverness und die Illusion von Kontrolle haben uns hierher gebracht, und sie sind nicht unsere besten Werkzeuge, um uns aus dem Schlamassel zu befreien.

Ich habe in anderen Beiträgen über die grundlegenden Fehler unseres Wachstumskurses auf einem endlichen Planeten geschrieben; über das idiotisch enge Konstrukt von Geld (Kasten 19.1 im Lehrbuch) und darüber, wie Entscheidungen, die auf Geld basieren, schlecht sind (wenn sie wirtschaftlich sinnvoll sind, zerstören sie mit ziemlicher Sicherheit das Ökosystem). Ich habe über die kognitive Verzerrung geschrieben, die durch fossile Brennstoffe hervorgerufen wird, und über den tragischen Irrtum, eine enorme menschliche Bevölkerung auf dem Rücken einer endlichen Ressource aufzubauen, die einen verheerenden Bevölkerungszusammenbruch verursacht, wenn ihre Verfügbarkeit unweigerlich abnimmt. Der eigentliche, ultimative Wert liegt in der biologischen Vielfalt und der Gesundheit der Ökosysteme, was darauf hindeutet, dass wir die Vorrangstellung des Menschen zurückdrängen und zu untergeordneten Partner:innen auf dem Planeten werden sollten, statt zu selbst ernannten und letztlich unfähigen Herrscher:innen, die über den Untergang unseres vergänglichen Reiches wachen.

Wenn wir jedoch einen Schritt zurücktreten und unseren zeitlichen Rahmen als gedankliche Richtschnur verwenden, sind wir berechtigt zu fragen, ob unser zivilisatorischer Weg nicht von Grund auf falsch ist. Das mag extrem erscheinen, aber wir befinden uns tatsächlich an einem extremen Wendepunkt in der Geschichte unseres Planeten. Ich habe nicht von Anfang an so gedacht (wie die lange Entwicklung dieser Blogserie beweist). Ich meine, ich wusste, dass unser Wachstumspfad nicht von Dauer sein konnte und dass die Ablösung der fossilen Brennstoffe schwieriger sein würde, als viele dachten, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, dass die Zivilisation an sich eine schlechte Idee ist. Ich beschreite diese Gewässer nicht mit Begeisterung.

Das überraschend neue Experiment der Landwirtschaft führte – in einem kausalen Zusammenhang – zu Überschuss, Lagerung, dauerhaften Siedlungen, Anhäufung von materiellem Besitz, Hierarchie, stehenden Armeen, Eigentumsrechten (die lächerliche Vorstellung, dass uns das Land gehört!), Patriarchat und Monotheismus, Unterwerfung von Menschen und Tieren, Bodendegradation, Zerstörung von Lebensräumen, Raten des Aussterbens weit über dem Normalwert und all dem Rest. Ein schlimmer Trip – und das alles um der kontrollierten Nahrungsmittelproduktion und -lagerung willen, deren Fehlen die Menschen nicht daran gehindert hat, über Millionen von Jahren hinweg nachhaltig zu leben. Ebenso scheinen wilde Tiere in gesunden Ökosystemen nicht in ständigem Elend zu leben: Sie haben es auf eine Weise geschafft, die funktioniert und stabil ist. Wir sehen uns keinen Vogel an, der zwitschernd durch die Bäume flattert, und reagieren entsetzt über den erbärmlichen Zustand, in dem er sich befinden muss, weil ihm die Mittel zur Kontrolle seiner Umgebung fehlen. Warum sollten wir uns die Menschen aus der Zeit vor der Landwirtschaft ansehen und uns schreckliches Elend vorstellen, wie es viele zu tun geneigt sind?

Da unsere Zivilisation nicht auf einem Fundament nachhaltiger Prinzipien aufgebaut ist, überrascht es nicht, dass wir sie jetzt als völlig unnachhaltig empfinden. Nicht nachhaltig bedeutet übrigens sicheres Scheitern. Unsere Zivilisation wurde also speziell für das Scheitern gebaut. Herzlichen Glückwunsch! Die sich entfaltende Geschichte vollzieht sich nur über eine so lange Lebensspanne, dass sie uns als Individuen allmählich erscheint und sich daher aufgrund unserer engen unmittelbaren Erfahrung nicht dringlich oder unvermeidlich anfühlt. Ich vermute, dass es im Nachhinein so offensichtlich sein wird, dass wir ziemlich dumm dastehen werden.

Ich mag hier Analogien zum Fliegen. Ein Felsen ist nicht nach den aerodynamischen Prinzipien des nachhaltigen (unbegrenzten, ebenen) Fluges konstruiert. Dennoch kann ein Stein in die Luft gehen, einen anmutigen und aufregenden Bogen durch die Luft machen, aber dann mit Sicherheit wieder auf die Erde stürzen. Auch unsere Zivilisation – die ebenfalls nicht auf den Grundsätzen der Nachhaltigkeit beruht – kann sich eine Zeit lang in die Lüfte erheben (während wir unser Erbe ausgeben) und sieht nach großem Spaß aus – und ihren zahlenden Passagieren eine Zeit lang große Freude bereiten. Die Erde und die planetarischen Grenzen warten geduldig auf uns.

Eine wichtige Randbemerkung ist, dass dieser Zustand dem menschlichen Tier nicht angeboren ist. Der größte Teil unseres Lebens auf diesem Planeten war nicht durch einen Amoklauf gekennzeichnet. Das ist unser neuer Trick der letzten 15 Wochen, kürzlich perfektioniert und im Fieberwahn. Umwerfend! Wir können andere Tricks lernen – neue Hobbys annehmen, die unser Leben und das unserer Lieben (d. h. anderer Spezies) nicht ruinieren: langsame, bedächtige Hobbys anstelle dieses frenetischen Hobbys.

Können wir nicht einfach …?

Vielleicht denkst du jetzt: Na gut, vielleicht haben wir es ein wenig übertrieben und müssen die Dinge zurückschrauben … aber sicher (Shirley?) können wir etwas bewahren, das wir als Zivilisation bezeichnen würden – ich meine, komm schon! Nun, offen gesagt, weiß ich nicht, ob es möglich ist, die Zivilisation zu bewahren – und das weiß auch sonst niemand! Um das Offensichtliche zu sagen: Der Wunsch, die Zivilisation fortzusetzen, reicht ohne biophysikalischen Rückhalt nicht aus. Ich vermute, dass die meisten Menschen, die von einer Fortsetzung und sogar einer Ausdehnung in den Weltraum ausgehen, ihre Überlegungen nicht auf einer sorgfältigen Betrachtung der biophysikalischen Grenzen beruhen, sondern eher auf einer unkritischen und fantastischen Extrapolation auf der Grundlage eines zugegebenermaßen kopflastigen, jüngsten Saufgelages… ich meine Geschichte.

Mein begründeter Zweifel ist halbquantitativ. Wir haben einen beträchtlichen Teil unseres nicht erneuerbaren Erbes (Mineralienkonzentrationen, fossile Brennstoffe usw.) im Zeitraum eines Jahrhunderts verbraucht. Selbst bei einem Zehntel des derzeitigen Umfangs (was für viele eine beängstigende Aussicht ist) könnten wir den Verbrauch verlangsamen, sodass uns noch etwa 1.000 Jahre bleiben – ein paar Wochen mehr in unserer Lebensspanne. Mit aggressivem Recycling und mehr Ressourcen, als ich zugestehe, könnten wir die Dinge um 10.000 Jahre verlängern (was ein paar Monaten entspricht). Wohlgemerkt, das gilt bereits vor dem Hintergrund eines erheblich und bewusst verkleinerten menschlichen Fußabdrucks, für den es keinen Präzedenzfall gibt. Zu bedenken ist, dass 10.000 Jahre immer noch sehr kurz sind und darauf hindeuten, dass wir uns eher am Ende als am Anfang der Zivilisation befinden könnten. Ärzt:innen würde sagen: Wir haben bestenfalls noch ein paar Wochen oder Monate zu leben, wenn wir unseren Lebensstil und unsere Praktiken nicht radikal ändern. Bei diesem Tempo sind es wahrscheinlich nur noch wenige Tage. Wenn wir den Rat beherzigen und eine umfassende Kurskorrektur vornehmen, sollten wir uns darauf einstellen, dass die Entgiftungserfahrung zwar unangenehm, aber notwendig sein wird.

Ich bin nicht an fantastischem oder magischem Denken interessiert. Die Vorstellung, wir könnten (oder sollten) die Architektur dieser ökologisch verheerenden Lebensweise für eine längere Zeit beibehalten, erscheint mir schlichtweg als Wunschdenken und auch als herzzerreißend. Ich würde gerne darüber hinausgehen und nüchtern darüber nachdenken, was wirklich möglich ist, vorbehaltlich der planetarischen Grenzen: hauptsächlich die Erhaltung des Lebensraums und der biologischen Vielfalt.

Aber große Gehirne?

Eine häufige Reaktion ist: Können wir nicht unsere großen Gehirne benutzen, um dieses Problem zu lösen? Unser Glaube sagt uns, dass eine Verlängerung der Zivilisation um weitere 1.000 Jahre uns sicher Zeit geben wird, uns etwas einfallen zu lassen. Was ist, wenn dieses „Etwas“ die Erkenntnis ist, dass die Zivilisation von Natur aus nicht nachhaltig ist und durch alternative, einfachere (aber reichhaltig sinnvolle) Ansätze für das Leben auf der Erde ersetzt werden muss? Vielleicht können wir unseren Verstand nutzen, um uns Zeit, Qualen und weitere Zerstörungen zu ersparen, wenn wir früher zu diesem Schluss kommen.

Die obige Leitfrage impliziert in der Regel den Gedanken an eine technologische Lösung. Ich vertrete inzwischen den Standpunkt, dass Technologie nicht das richtige Werkzeug ist, um ein Problem zu lösen, das durch einen technologischen Ansatz verursacht wurde. Aber ja, wir können (und sollten) unsere großen Gehirne benutzen. Die Aufgabe besteht nur darin, herauszufinden, wie wir eine völlig neue Lebensweise auf diesem Planeten annehmen und die Zivilisation auf eine Art und Weise abbauen können, die für die biologische Vielfalt und für die Menschen am wenigsten zerstörerisch ist. Wir müssen unseren überheblichen (und illusorischen) Griff nach Kontrolle und unser naives Streben nach totaler Beherrschung aufgeben. Wir tappen in die Falle des Denkens: „Wenn wir nur ein wenig mehr lernen, haben wir es endlich geschafft“. Aber es ist nie genug, und das kann es auch nie sein. Wir haben kaum an der Oberfläche gekratzt, wenn es darum geht, die Maschinerie der Ökosysteme der Erde zu verstehen, und es ist töricht zu glauben, dass wir die erforderliche Allwissenheit erlangen können, um eine erfolgreiche Herrschaft aufrechtzuerhalten – zumal die biophysikalische Uhr immer dringender tickt.

Was wir stattdessen lernen müssen, ist, mit den langfristigen Zwängen der natürlichen Welt zu leben, so wie sie sich uns präsentiert – und nicht, sie nach unseren unrealistischen Wünschen und Launen zu formen, was mit Sicherheit scheitern wird. Es geht darum, in einer Haltung der Demut zu reagieren und sich anzupassen, nicht darum, Lösungen zu finden, zu beherrschen, zu erzwingen, zu definieren und zu diktieren. Unsere Gehirne sind bei Weitem nicht groß genug, um die Natur vollständig zu beherrschen, aber vielleicht sind sie groß genug, um diesen Sprung der bewussten Demut zu machen. Das haben wir schon einmal erlebt. Ich hoffe, wir haben immer noch das Zeug dazu.

Prioritäten für den Erfolg

In diesem Zusammenhang halte ich den Vorstoß zur Umstellung auf erneuerbare Energien für fehlgeleitet. Das implizite Ziel besteht darin, die Zivilisation im Wesentlichen in ihrem derzeitigen glorreichen Zustand zu erhalten, indem man sie mit Energie versorgt, damit sie so wenig wie möglich gestört wird. Störend für was? Wirtschaftliche Belange? Die Zivilisation erweist sich als beängstigend störend für die natürliche Welt. Indem wir der Erhaltung der Zivilisation Vorrang einräumen, stellen wir dieses vergängliche, künstliche Konstrukt über die biologische Vielfalt und ein gesundes Ökosystem: ein Rezept für den sicheren Misserfolg. Damit setzen wir auf das Falsche: Wir unterstützen und beschleunigen die Maschine, die unseren Planeten auffrisst. Ein Vorstoß in Richtung erneuerbare Energien ist das Letzte, was die Tiere der Erde befürworten würden, und würde als eine der störendsten Entscheidungen gelten, die wir treffen könnten.

Zugegeben, eine nachhaltige Zukunft muss definitionsgemäß erneuerbare Energien im weitesten Sinne nutzen, wie es die Menschen bis vor sehr kurzem getan haben. Die derzeitige Praxis ist die Anomalie. Ich kann nicht ausschließen, dass Fotovoltaikmodule in ferner Zukunft eine Rolle spielen könnten. Aber die Abhängigkeit von abgebauten Materialien macht es unwahrscheinlich, dass dieses Gerät in ein wirklich langfristiges Konzept passt. Ich neige dazu, mich nicht mit Prognosen auf dieser Ebene zu beschäftigen. Wenn wir das Fundament richtig legen, wird sich der Rest von selbst ergeben.

Jeder Weg zum Erfolg muss auf einem soliden ökologischen Fundament beginnen, ganz gleich, um welchen Bereich es sich handelt: Wirtschaft, Politik, Glaubenssysteme, Menschenrechte, Wissenschaft, Technik und der Rest. Ist das das erste Kapitel bzw. die erste Vorlesung in einem dieser Bereiche? Natürlich nicht, aber das sollte es sein. Andernfalls lehren wir einen blinden Weg zum Scheitern. Stellen wir uns das einmal so vor: Was würden wir alles (Technologie, Annehmlichkeiten, Materialien, sogar Beziehungen) gegen alle (nicht-menschlichen) Tiere/Lebewesen auf der Erde eintauschen? Wahrscheinlich nichts, wenn wir erkennen, dass wir selbst nicht ohne ein funktionierendes (gesundes) Ökosystem leben können und dass wir nur eine von zehn Millionen Arten sind. Nun gut. Dann müssen wir auch so handeln. Die biologische Vielfalt und die ökologische Gesundheit müssen oberste Priorität haben, und wir müssen innerhalb der sich daraus ergebenden Zwängen arbeiten. Alle Entscheidungen sollten mit der Frage beginnen: „Würde diese Maßnahme der (größeren und letztlich wichtigeren) nicht-menschlichen Welt helfen oder schaden?“

Post-Skriptum: Jüngste Einflüsse

Wie aus meinen bisherigen Beiträgen hervorgeht, habe ich mich auf eine Reise begeben, auf der ich das Wesen unserer misslichen Lage weiter erforscht habe. Dabei bin ich über die anfängliche Phase der quantitativen Bewertung von Energie (in der ich noch von einem technologieorientierten Lösungsraum ausgegangen bin) hinausgegangen und habe mich mit tieferen Fragen beschäftigt, worum es uns eigentlich geht und warum wir die Dinge tun, die wir tun. Im Sommer 2022 setzte ich mich nach mehreren Empfehlungen im Laufe der Jahre endlich hin und las Ishmael, einen Roman von Daniel Quinn. Ich war gleichzeitig beeindruckt davon, wie vertraut mir die Logik bereits war, und davon, wie sehr sie meine Fähigkeit schärfte, erfolgreiche Ansätze von (letztlich) erfolglosen zu unterscheiden. Es folgten die beiden anderen Teile der Reihe (The Story of B und My Ishmael) sowie Quinns Sachbuch Beyond Civilization, das den Rahmen bildet. Ich habe sie alle geschätzt und betrachte sie als Hilfe, um den Weg zu kristallisieren, den ich bereits eingeschlagen hatte. Ich würde mich nicht als treuen Anhänger bezeichnen – ich akzeptiere alle Argumente/Prämissen –, aber ich bin ein Bewunderer des Wertes dieser wichtigen Werke, der sich weitgehend durchsetzt. Schau in deiner Bibliothek nach und stöbere darin!

Vor kurzem habe ich An Inconvenient Apocalypse von Wes Jackson und Robert Jensen gelesen. Auch dieses Werk hat mich tief beeindruckt, denn es ist ein sorgfältiger, durchdachter, nüchterner, durchdachter und aufschlussreicher Ansatz, wie wir mit dem Dilemma unserer Zivilisation umgehen können. Es ist kein Standardwerk für die Behauptung, dass wir uns in großen Schwierigkeiten befinden, auch wenn es einige dieser Argumente aufgreift. Hauptsächlich reflektiert es über unsere Reaktionen und Entscheidungen in diesem Moment und bietet wertvolle Denkanstöße für diejenigen, die bereits spüren, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Zu meiner Überraschung und Freude hatte meine Kleinstadtbibliothek ein Exemplar.

Andere Stimmen beginnen zu verbreiten, was meiner Meinung nach eine zutreffende Botschaft ist. Bereits im vergangenen Jahr habe ich David Attenboroughs eindringliche Schlussfolgerung gelobt. In den vergangenen Wochen haben Artikel in The Intercept (fantastisch!) und in der New York Times dafür plädiert, die biologische Vielfalt und die Gesundheit der Ökosysteme über zweitrangige Anliegen wie den Klimawandel und die üblichen technologischen „Lösungen“ zu stellen, die als Reaktion darauf angeboten werden. Allerdings muss ich mich darüber beschweren, dass der NYT-Artikel einen jener Absätze enthielt, die fast immer die Warnungen vor der Gefährdung eines Tieres begleiten: den potenziellen Nutzen dieser Tiere für den Menschen, einschließlich des immer wieder auftauchenden Hinweises auf einen möglichen Schlüssel zu einem medizinischen Heilmittel. Es macht mich verrückt, dass wir so transaktionsorientiert sind, dass wir einen direkten Nutzen für uns verlangen, um die Existenz eines anderen Tieres zu rechtfertigen.

Um einen provokanten Satz aufzugreifen, den andere mit großer Wirkung verwendet haben: Wozu ist eine weiße Fledermaus aus Honduras gut, fragst du? Nun, wozu bist du gut? Wie haben die Menschen oder du persönlich (per Saldo oder netto) den wildlebenden Arten des Planeten oder der allgemeinen Gesundheit des Ökosystems geholfen? Bist du wertvoller oder weniger wertvoll für die Erhaltung der Artenvielfalt als die Fledermaus, der Molch oder sogar die Mücke? Ja, diese harte Wahrheit sticht auch mich.


Der Artikel von Tom Murphy erschien am 19.12.2022 im Original als The Simple Story of Civilization in seinem Blog, Do the Math. Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung. Dankeschön!