Episoden aus dem Nahen Osten

In: Anekdoten
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Überall entdeckten wir viele kleine Geschäfte, die große Werbebanner von deutschen Firmen hatten: Kress, Bosch, Siemens. „Sehr beliebt, deutsche Produkte“, sagte unser Fahrer, „weil sie qualitativ so hochwertig sind und auch bei unserem Klima lange funktionieren. Besonders Haarschneidemaschinen, aus den 1970ern. Die funktionieren noch immer, es gibt genug Ersatzteile dafür, und können noch immer neu auf den Märkten gekauft werden“, fuhr er fort, und zeigte uns ein paar. Wenn du nur wüsstest, was wir jetzt bei Media Markt bekommen, sagten wir uns. Zu dem Preis solche guten Geräte? Einige von uns kauften sich zwei.


Foto: In den Bergen vor Akaba

Kurz vor Akaba sahen wir in den Bergen Züge, hunderte Meter lang. „Phosphat–Transport“, sagte unser Fahrer. Jordanien hat als einer der wenigen arabischen Staaten keine Erdölvorkommen, ist dafür aber weltweit drittgrößter Exporteur von Phosphat—nicht so bekannt, und fast so wichtig wie Erdöl. Ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes stammt aus dem Industriebereich, und der wird nahezu vom Phosphatabbau dominiert. „Wir merken schon, dass das langsam Begehrlichkeiten weckt“, sagte er weiter. „Vielleicht werden wir es bald gegen Wasser tauschen.“


Für den Aufenthalt in Jordanien bekamen wir Prepaid–SIM–Karten. Sie wurden für uns gekauft, „weil dafür die Vorlage von Ausweisen notwendig ist“, und das „mit Reisepapieren nur unnötig Aufsehen erregt“. Als wir fragten, warum, sagte man uns lächelnd, „Ihr wisst schon, Terrorismus, Aufschrecken von Geheimdiensten, Verabredungen zu Entführungen“. Keiner von uns konnte abschätzen, ob sie scherzten. „Jedes Treffen von Arabern in der Nähe von Telekommunikation sieht aus wie eine Verschwörung“, merkte einer von uns an.


Foto: Blick nach Eilat

Wir stiegen müde in Akaba angekommen aus dem Bus und gingen zum Strand, von wo wir den nahenden Sonnenuntergang genießen wollten. Uns begrüßte als erstes ein großes Plakat mit dem Bild vom verstorbenen König Hussein und seinem Sohn, dem amtierenden König Abdullah II. Schon am Flughafen in Amman fiel uns auf, dass wir etliche Plakate der beiden Könige sahen, und wir nahmen uns vor, möglichst viele davon zu fotografieren. Als wir tatsächlich am Strand waren, hatten wir bereits ein dutzend Bilder geschossen—und gaben die Idee schließlich auf. Wir setzten uns dann in ein Strandcafé, gönnten uns eine Shisha, und konnten auf der anderen Seite des Roten Meeres Eilat, eine Stadt in Israel, am Horizont leuchten sehen; zwischen den Lichtern nahmen wir einige Tanker auf dem Roten Meer wahr, umgeben von Patrouillenbooten.


Foto: Mann mit seinem Auto in Akaba

Akaba selbst ist eine recht kleine Stadt, mit knapp 100.000 Einwohnern, dabei eine der größten am Roten Meer, und das touristische Zentrum von Jordanien. Die Temperatur fällt selten unter 20° Celsius, das Wasser dort ist warm und Jordaniens einziger Tauchort; künstliche Korallenriffe sollen die Korellanbildung fördern. Am Strand wurde Zuckerwatte verkauft und Glasbodenbootsfahrten bis unweit zur Seegrenze nach Israel und Ägypten angeboten. Unser Reiseleiter ging vor und organisierte eine Glasbodenbootsfahrt für uns, damit wir nicht den touristischen Preis bezahlen müssten. Zu den Höhepunkten gehören die künstlichen Korallenriffe wie ein alter versenkter libanesischer Frachter—wir bekamen einen Panzer zu sehen.


Foto: Blick vom Felsengrab in Petra

Petra ist viel mehr als bloß der Grabtempel, den die meisten Menschen aus Filmen kennen, und was der alten Felsenstadt nicht gerecht wird. Schon das Herunterwandern des Siq ist ein kleines Abenteuer und zeigt großartige Baukunst: getrennte Wasserwege für Nutz– und Trinkwasser sind erste Anzeichen dafür, was einen am Ausgang und dem Eingang zur Stadt erwartet. Vorbei an bekannter und riesiger Ikone gab sich dann auch die wahre Größe von Petra langsam zu erkennen, beim ersten Anblick des eigentlichen Weges herab ins Tal—während der Akku meiner Kamera sich urplötzlich dem Ende neigte, und mein Ersatzakku im Hotel lag. Wenige Aufnahmen in das riesige Tal mit seinen vielen tief in Fels gemeißelten Bauwerken waren mir möglich, und die letzte Aufnahme war im Tal selbst vom Felsgrab herab auf die Schluchten, die noch vor uns lagen: als wollten sich das Geheimnis und der Anmut dieser Stadt nicht auf Film festhalten lassen.


Foto: Wadi Rum

Wadi–Rum war für die meisten von uns die erste Wüste, die wir betraten. Hier hat jeder Felsen bei den Beduinen seinen eigenen Namen; sie zeigten uns tausende Jahre alte in Stein gemeißelte Symbole, die ihnen bekannt und inwzischen meist unverständlich waren. Farb– und Lichtspiele von Rot und Braun, schleifende Windböen, im Sand lebende Insekten und abenteuerliche Kletterwege hoch an den Felsen aus Sandstein erwarteten uns. Welche Geschichten hier wohl passierten? Lawrence von Arabien fiel mir ein, und ein Beduine zeigte mir ein Gruppenphoto mit dem legendären Geheimdienstoffizier und seinem Uropa. Wir bereiteten die Übernachtung in einem abgelegenen und nicht fertig gestellten Lager vor und wurden mit Tee bedient. Später trafen zwei weitere Jeeps ein, und es gesellten sich ein paar uns unbekannte Beduinen dazu, die uns erst Haschisch anboten, und bald ein paar hundert Meter von uns mit ihren Kalaschnikow in den Himmel schossen. „Hier draußen gibt es nur uns“, sagte man uns lachend, und bot uns an, dasselbe zu tun. Einer von uns hatte eine Flasche Absinth dabei, die wir nach uns bekannter Art trinken wollten—das erste entflammte Glas stand jedoch schnell im Wüstensand, um das dann singende Beduinen standen, die so etwas noch nie gesehen hatten und in Mutproben über die grünlichen Flammen sprangen, und in Unglauben johlten, als wir den Absinth schließlich tranken.


Foto: Treiben in der Altstadt von Amman

Wir streiften durch die Altstadt von Amman, und schauten uns die vielen Stände an den Straßen an. Hier und da gab es Buchstände, und an fast jedem gab es Mein Kampf zu kaufen, direkt neben Englisch-Sprachkursen, und Büchern, die sich mit verfehlten Einmischungen der US–Amerikaner beschäftigen.


Die Universtät von Amman hat einen großen Campus, und wie im Land selbst wurden wir auch hier überall und bei vielen Gelegenheiten aufrichtig freundlich begrüßt: „Welcome to Jordan!“ Wir schauten uns im Universitäts–eigenen archäologischen Museum um, zu dem wir von einer Assistentin der Professorin für Politik und Geschichte begleitet wurden. Viele antike Exponate waren zu bewundern, und mit aufwändig authentisch verkleideten Puppen wurde auch die frühere Neuzeit in Szenarien dargestellt. Später nahmen wir auch an einigen der Seminare der Professorin teil, und sie forderte uns lächelnd auf, gerne daran aktiv Teil zu haben. Jemand von uns sagte, dass ihr auffiel, dass im Museum kaum etwas zur aktuellen Neuzeit zu finden sei, und wie es da um die Konflikte mit Israel bestellt sei. Schlagartig hörte sie auf zu lächeln, und sagte forsch „wir reden nicht über Israel—für uns ist es das besetzte Palästina“. Nach Schätzungen betrachten sich zwei Drittel der Jordanier als Palästinenser. Dann lächelte sie wieder, und sagte, „and: Welcome to Jordan!“


Foto: In einem Supermarkt in Amman

An einem der Abende in Amman gingen wir in ein Restaurant, in dem später eine Liveband spielen sollte. Wir aßen eine Kleinigkeit, machten es uns danach mit einer Shisha gemütlich, und unterhielten uns über unsere bisherigen Erfahrungen. Noch bevor die Band allerdings anfing zu spielen betraten ein paar ernst dreinblickende Männer in Anzügen das Restaurant, und zwischen ihnen gingen zwei Frauen, gekleidet in Schwarz mit dezentem Silberschmuck. Sie setzten sich in einen separaten Bereich, und während die beiden Frauen etwas tranken, musterten ihre Begleiter den Raum. Als die Band dann anfing zu spielen gingen die beiden Frauen auf die Tanzfläche, und zwei ihrer Begleiter wachten am Rand. Eine andere Besucherin des Restaurants gesellte sich mit ein wenig Abstand tanzend dazu, unter kritischem Blick der Begleiter. Wenige Minuten später tanzte dann ein junger Mann mit langen Dreads in sehr lässiger Pose in die Richtung der beiden, sehr zum Vergnügen der Frauen. Plötzich stand jedoch einer der beiden Begleiter vor dem Mann, und schüttelte seinen Kopf mit einem klaren Nein. Darauf tanzte der Lockenkopf genauso lässig in die umgekehrte Richtung zurück. Wir fragten einen unserer Reiseleiter, ob er wüsste, was das mit den beiden Frauen auf sich hätte, und er war sich selbst nicht so sicher: gerne kämen Sheikhas aus Saudi–Arabien zum Feiern in das viel liberalere Jordanien. Es könnten aber auch Kurtisaninnen sein.


Zu einer der privaten Audienzen an der Universtität in Amman gehörte auch das Gespräch mit dem Dekan der Fakultät für Islamwissenschaften. Er erzählte uns über die Geschichte und Tradition des Islams im Nahen Osten, und auch, wie dieser zu politischen Prozessen steht; dass es kein Land gäbe, dass realiter ausschließlich der Schari’a folge—was zum Beispiel Zuhause geschehe, ginge nur die dort Wohnenden und Allah etwas an. Dazu sei der Islam in vielerlei Hinsicht dem Volke näher als es die westlichen Demokratien je sein könnten, schließlich würden Mullahs in allen ihren Titeln über ihre peers als solche akzeptiert, und der Einfluss eines Ajatollahs hinge maßgeblich davon ab, wieviele Anhänger er habe, und die könnten sich ja für einen anderen entscheiden. Wir stellten ihm noch einige Detailfragen, und trotz des ruhigen und freundlichen Umgangs miteinander war die Anspannung aller Anwesenden im Raum deutlich zu spüren—wir wussten genau, was der Dekan über unsere Lebensweise und Glauben (oder dem Fehlen davon) dachte, und ihm war völlig klar, wie die von ihm vorgestellte Weltsicht mit der unseren kollidierte.


Foto: Ein Internet-Café in Amman

In Amman fuhren wir häufig mit dem Taxi, und es ließ sich nie vermeiden, früher oder später in eine Diskussion um Politik und Glauben verwickelt zu werden. Meist versuchten wir zu vermeiden als Deutsche erkannt zu werden, weil uns häufig wohlwollend der gemeinsame Hass auf Juden unterstellt wurde; dass wir nun mal aus dem Westen kamen und als Touristen erkannt wurden, ließ sich allerdings nie vermeiden. Dann ging es auch schnell um die westliche Wahrnehmung vom Islam, und fast immer wurde darauf bestanden—ohne dass wir fragten—, dass kein Muslim, besonders im Nahen Osten, vorgeblich islamistisch motivierten Terroristen gut heißen würde, und dass das Spinner in einer kleinsten Mengen seien, und von allen verdammt würden. Schnell lernten wir dann auch etwas anderes für diese Diskussionen, das uns immer lächelnd gesagt wurde, und keine Feindseeligkeit aufkommen ließ: Unser Gesprächspartner nie, denn im Zweifel würde Allah uns richten.


Foto: Eisdiele in der Altstadt von Damaskus

Geradezu klischeehaft gab es immer wieder kleine Begebenheiten, die uns in unserer Wahrnehmumung selbst als Spießbürger vorführten: Dass Pünktlichkeit sehr relativ oder das Akzeptieren von fixen Preisen und das Ausschlagen von Tee eine Beleidigung ist. Wann immer sich etwas unserem Tagesplan entzog wurde das schnell mit einem lachenden In schā’a llāh kommentiert. Es dauerte nur ein paar Tage, und wir hörten uns das selbst ernstgemeint lachend sagen, und entspannten dann.


Foto: Blick über Beirut

Auf der Fahrt von Damaskus nach Beirut fährt man über eine Hügelkette, in der diverse zerbombte und zerschossene Brücken zu sehen sind. Unser Fahrer erklärte uns, dass sie von den Israelis zerstört wurden um Nachschübe zu unterbinden, oder einfach nur, um den Libanesen das Leben schwer zu machen. Schließlich erzählte er uns dann ausführlicher über den letzten Krieg zwischen Israel und dem Libanon. Wir fragten nach Details, und wollten wissen, ob er die israelischen Offensiven gegen die Hisbollah und deren Verbündete vor wenigen Jahren meinte, und er sagte dann: „Ja, gegen Libanon. Hier sind wir alle Hisbollah oder deren Verbündete.“


Foto: In der Altstadt von Damaskus

„In Syrien ist das Gras grüner, der Himmel blauer, und das Essen besser“, scherzten wir oft, nachdem uns einer unserer beiden Reiseleiter ständig von Syrien vorschwärmte. Endlich in Damaskus angekommen pries er an, das zu beweisen: „Wir gehen zu meine Oma essen“, sagte er, und wir machten uns auf den Weg. „Zu acht?“ fragten wir uns. „Gleich sind wir bei meine Oma“, sagte er nur, als wir uns der Altstadt näherten. „Und du bist dir sicher, dass wir nicht zu viele sind? Nicht, dass wir zu viel Umstände bereiten.“ sagten wir. Er schaute uns irritiert an. „Wieso, wir gehen doch zu meine Oma?“ Gut, wenn er darauf bestand! Schließlich fanden wir uns in der Altstadt ein, gingen durch die verwinkelten Wege und Straßen, und standen vor einer kleinen Tür, durch die wir nicht stehend durch kommen sollten. Wir konnten einige Menschen feiern hören, und gingen davon aus, dass wir uns wohl einem Fest anschließen würden. Dann fiel uns dann ein kleines beleuchtetes Schild neben der Tür auf: „Meine Oma“ ist ein Restaurant in der Damaszener Altstadt.