Wer Feuer löschen darf und wer es gelegt hat
„Hitze können wir nicht verhindern. Viele Waldbrände schon.“
Die Bundesregierung am 31.7.2026
Das postete die Bundesregierung auf ihren Kanälen, während halb Europa unter dem zweiten Hitzedom innerhalb von acht Wochen liegt. Diese beiden Sätze tun zwei Dinge gleichzeitig, und beide braucht es, damit das Zitat funktioniert.
Erstens: Er erklärt Hitze zur Naturgewalt. Kein Subjekt, keine Ursache, kein Verb, das irgendwohin zeigt. Hitze passiert wie Ebbe und Flut. Damit verschwindet in einem Nebensatz die gesamte Kausalkette: Emissionen, fossile Subventionen, jahrzehntelang verschleppte Politik. Für all das gibt es sehr wohl Verantwortliche, viele davon in Positionen, die genau solche Sätze absegnen.
Zweitens: Er verschiebt die Handlung dorthin, wo sie am wenigsten reicht. Waldbrände löscht die Feuerwehr, die überlastet ist. Löscht der Bürger, der keine Kippen wegwerfen soll. Der Staat macht sich zum Hausmeister einer Katastrophe, an der er mitgebaut hat, und reicht sie nach unten durch, an die, die am wenigsten Einfluss auf die Ursache hatten und am meisten mit dem Symptom kämpfen müssen.
I
Wer sich mit dem Klimawandel beschäftigt, landet fast zwangsläufig bei der Frage: Warum begreifen die das nicht? Warum leugnen Menschen etwas, das ihnen gerade das Kühlwasser aus dem Kraftwerk verdampft? Warum gilt „die Wirtschaft“ als Naturgesetz, obwohl ohne stabiles Klima keine Wirtschaft läuft?
Die naheliegende Antwort ist psychologisch, und sie stimmt auch. Robert Kegan hat gezeigt: Menschen haben ihre politische Identität nicht, sie sind sie. Wenn der Mensch schuld ist am Klimawandel, ist das ganze System fehlerhaft, das einem Sicherheit, Status und moralische Ordnung gegeben hat. Das zuzugeben fühlt sich nicht nach Meinungswechsel an, sondern nach dem Einsturz des eigenen Ichs. David Chapman würde sagen: Die Wirtschaft ist hier nicht der Markt, sie ist das Muster, das den Nebel der Ungewissheit fernhält. Wer daran rüttelt, rüttelt an der Wand zwischen dem Ich und dem Chaos.
Das erklärt den einen Nachbarn. Es erklärt nicht den Vorstand, nicht die Regierung.
Der Unterschied ist nicht graduell, er ist kategorial. Die Leute nebenan, die sich Atomkraft herbeisehnen und Windräder hässlich finden, verteidigen in der Regel keine eigene Machtposition. Sie verteidigen eine geliehene Identität: ein Bild von Wohlstand, Status, Ordnung, das sie sich von woanders geholt haben, oft von genau den Interessen, die davon profitieren, dass sie es weitertragen. Sie sehnen sich nach etwas, das sie nie besessen haben, in einer Version, die es nie gab. Ihre Abwehr ist real, allerdings geborgt. Hinter ihr steht keine Bilanz. Deswegen können wir mit ihnen reden. Weil hinter ihrer Position nichts steht als die Position selbst.
Beim Vorstand, bei den Minister:innen, bei dem Menschen, der diesen Tweet absegnet, ist dieselbe Psychologie am Werk, und dazu kommt eine zweite Schicht, die bei den Nachbar:innen fehlt. Ihr Ego zeigt in dieselbe Richtung wie ihr Kontostand, ihre Wiederwahl, ihr Aktienportfolio. Das ist kein doppeltes Problem, das sich in zwei Schritten löst, sondern ein verriegeltes. Löst sich die Identitätsabwehr auf, mit dem besten Gespräch der Welt, bleibt der strukturelle Anreiz, der sie in dieselbe Position zurückdrückt. Verändert sich nur der Anreiz, über Regulierung, Versicherungskosten, Kapitalmarktdruck, baut sich die Identität eine neue Rationalisierung, um das Gesicht zu wahren. Durch das eine gewinnen wir nicht, was das andere hält.
Deswegen kann motivierende Gesprächsführung am Küchentisch mit dem Onkel funktionieren und in der Vorstandsetage zur Karikatur werden. Nicht weil Vorstände unbelehrbarer wären als Onkel, sondern weil beim Onkel die Psychologie die ganze Erklärung ist, beim Vorstand nur die halbe.
Wer diesen Unterschied nicht macht, wendet die falsche Methode auf die falsche Ebene an: Diagramme gegen die Nachbar:innen, die sie als Angriff auf ihr Ich lesen, Verständnis gegen den Vorstand, der es als kostenlose Galgenfrist verbucht.
II
Es wäre bequem, hier zu bleiben und zu sagen: Also kümmern wir uns nur noch um Macht, Strukturen, Anreize, und vergessen die Psychologie der Einzelnen: Kärrnerarbeit ohne Hebel.
Das wäre falsch, und zwar aus einem konkreten Grund: Wer etwas baut, eine Genossenschaft, eine lokale Energieversorgung, irgendeine Form von Widerstand gegen die Verwaltung des Untergangs, bekommt es früher oder später mit genau diesen Leuten zu tun. Als der Mann von nebenan, der im Gemeinderat gegen die Solaranlage stimmt, die Tante, die die Genossenschaft für Kommunistenkram hält. Wer sie mit dem gleichen Zynismus behandelt wie den Vorstand, verliert Verbündete, die erreichbar wären, weil ihre Abwehr keine Bilanz hat.
Die Psychologie der Leugner:innen ist also nicht die Ablenkung von der eigentlichen Machtfrage. Sie zeigt, wo die Machtfrage anfängt. An der Stelle, wo aus geliehener Identität verteidigtes Eigentum wird, wo Verständnis aufhört zu helfen, weil es gegen einen Interessenkonflikt anrennt, den kein Gespräch auflöst.
Wer diese Grenze nicht kennt, verschwendet entweder Mitgefühl an Menschen, die keins verdienen, weil ihre Position ihr Vermögen schützt, oder Härte an Menschen, die nur mitlaufen, weil niemand ihnen eine andere Richtung gezeigt hat.
III
Es gibt eine verlockende Zwischenlösung: Den Vorstand müssen wir nicht überzeugen. Wir müssen nur seine Anreize ändern. Die Rückversicherungsbranche hat keine ideologischen Skrupel: Sie entzieht riskanten Projekten irgendwann die Deckung, und dann bewegt sich selbst der Starrsinnigste.
Das stimmt, und es reicht nicht. Es ist eine Wette darauf, dass die Zwänge schnell genug greifen, bevor die Kipppunkte fallen, die sie verhindern sollten. Dazu entlässt sie die Verantwortlichen aus der Verantwortung: Sie überschreibt ihr Handeln der Physik und dem Markt, als hätten Menschen in diesen Positionen nur auf Signale reagiert. Genau diese Verschiebung, von Verantwortung zu Sachzwang, ist dieselbe Bewegung wie im Bundesregierungs-Tweet, nur eine Etage höher. Die Hitze können wir nicht verhindern, sagt die Regierung. Den Markt können wir nicht steuern, sagt die zynische Gegenstimme. Beide entlasten dieselben Leute.
Genauso wenig reicht die andere Verlockung, eine Etage tiefer: Wir bauen unser eigenes Ding. Lokale Energiegenossenschaft, Nachbarschaftsresilienz, Rückzug in die funktionierende Enklave, während das große System vor sich hin kollabiert. Das ist eine Arche mit Rissen im Rumpf. Wenn die Jetstreams kippen, der Golfstrom sich verlangsamt, die großen Ernten großflächig ausfallen, hilft das Hochbeet niemandem. Es gibt kein Außen. Wer glaubt, sich aus der Katastrophe herauszubauen, während sie global weiterläuft, verwechselt eine Übungsanlage mit einem Rettungsboot.
IV
Der eine Finger zeigt nach oben, konkret: auf die Menschen in Positionen, deren Vermögen, Status und Macht strukturell davon abhängen, dass die Ursache weiter geleugnet und die Verantwortung weiter nach unten geschoben wird. Das zu benennen, ohne es in Entwicklungsstufen oder Bedeutungssysteme zu übersetzen, ist selbst schon eine Handlung. Es verweigert dem System die Gnade, als bloßes Missverständnis zu gelten. Wer die Verantwortlichen aus falscher Höflichkeit oder falscher Systemtheorie aus der Verantwortung entlässt, betreibt exakt die Verschiebung, die kritisiert wird, nur eine Etage höher.
Der andere Finger zeigt auf einen selbst, und der darf nicht zur Ausrede für den ersten werden. Etwas bauen, das den Planeten nicht verbrennt. Nicht weil es garantiert reicht, sondern weil die Alternative dieselbe neoliberale Verschiebung ist, nur in Aktivistensprache: nichts tun, während wir über die Verantwortlichen räsonieren. Die Regierung entlässt sich mit Eigenverantwortung, Kritiker:innen mit dem System, das eh das Problem sei. Beides endet beim gleichen Niemand, der etwas tut.
Keiner der beiden Finger ersetzt den anderen. Wer nur nach oben zeigt, wird zum Kommentator:in einer Katastrophe, die er treffend beschreibt und nicht ändert. Wer nur nach innen zeigt, wird zur Recycling-Moralist:in, die dem System erlaubt, genau das zu tun, was der Bundesregierungs-Tweet vorgemacht hat: die Verantwortung dorthin schieben, wo sie am wenigsten reicht.
Das ist kein Widerspruch, der sich auflösen lässt, und es sollte auch nicht so verkauft werden. Es ist eine Haltung, die wir mit beiden Armen gleichzeitig halten müssen, ohne die Erleichterung, dass einer der beiden Finger überflüssig wird.
Zwei Hitzedome in acht Wochen. Die Zeit, in der wir uns aussuchen konnten, welchen der beiden Finger wir heben wollen, ist vorbei.
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