Lieblingsbuch: „Ganz im Gegenteil“

2026.06.08

Du steckst in einer Entscheidung fest, weil du zu viel weißt. Du siehst beide Seiten, du verstehst die Argumente, und genau deshalb kommst du nicht vom Fleck.

Da ist kein Denkfehler, sondern der Moment, in dem das übliche Werkzeug versagt: klarer Kopf, mehr Analyse, Vor- und Nachteile abwägen. Das Problem liegt nicht länger im Werkzeug, sondern in der Frage.

I

Matthias Varga von Kibéd ist Logiker und Philosoph, Insa Sparrer Psychotherapeutin. Gemeinsam haben sie ein Verfahren entwickelt, das sie Systemische Strukturaufstellungen nennen, eine Methode, die Beziehungsstrukturen räumlich sichtbar und erfahrbar macht. Ihr Buch Ganz im Gegenteil ist das Grundlagenwerk dazu, inzwischen in der zwölften Auflage.

Das Buch ist dicht. Es hat Exkurse über buddhistische Logik, Wittgenstein, Nasreddin-Geschichten, eine Taxonomie von Körperempfindungen bei Aufstellungen, und ein Vorwort von Heinz von Foerster, mein eigentlicher Einstieg ins Buch. Du musst dich nicht für alles davon interessieren. Was allerdings hängen bleibt, ist eine einzelne Struktur aus der indischen Logik, die die Autor:innen ins Zentrum stellen: das Tetralemma.

II

Lea leitet ein kleines Produktteam. Seit Monaten arbeitet sie mit Jonas zusammen, einem Entwickler, der brillant ist, aber schwierig. Wenn er liefert, ist es außergewöhnlich. Allerdings kommuniziert er schlecht, hält Deadlines selten ein, das Team leidet darunter. Lea hat das Gespräch mehrfach gesucht. Es hat sich nichts grundlegend verändert.

Jetzt steht sie vor der Frage: Trennung oder nicht?

Das klassische Entweder-oder: Entweder sie hält Jonas im Team, und akzeptiert die Reibung, den Frust, die Unzuverlässigkeit. Oder sie trennt sich von ihm, und verliert die Qualität, die er einbringt, und trägt die Konsequenzen dieser Entscheidung. Beide fühlen sich falsch an. Je länger sie pendelt, desto erschöpfter wird sie.

Das Tetralemma sagt: Das Pendeln ist das Signal. Die Frage ist falsch gestellt.

III

Das Tetralemma hat vier Positionen, und eine fünfte, die keine mehr ist.

Das Eine ist Leas erster Impuls: Jonas bleibt. Sie investiert weiter, gibt ihm noch eine Chance, hofft auf Veränderung. Loyalität, Glaube an Entwicklung, vielleicht auch die Scheu vor dem schwierigen Gespräch.

Das Andere ist der Gegenpol: Trennung. Klarheit, Konsequenz, Schutz des Teams, Verantwortung für das Ganze, auch wenn sie wehtut.

Bis hierher: gewöhnliches Abwägen. Hier fängt das Tetralemma an.

Beides ist die dritte Position, und die ungewohnteste. Was wäre, wenn beide gleichzeitig stimmten? Was liegt in der Überschneidung?

Für Lea könnte das bedeuten: Jonas bleibt, aber die Bedingungen ändern sich grundlegend. Nicht als weiterer Versuch, sondern als expliziter Neuvertrag. Andere Rolle, andere Erwartungen, andere Sichtbarkeit seiner Stärken. Kein weiteres Dulden des Status quo, sondern eine strukturelle Veränderung, die beides neu kombiniert.

Oder es bedeutet etwas anderes. Das ist der Punkt: Die dritte Position ist kein fertiger Kompromiss. Sie lädt ein, den Rahmen zu verlassen, in dem die Frage bisher steckte.

Keines von Beiden ist die vierte Position, vordergründig die kühlste. Sie tritt einen Schritt zurück und fragt: In welchem Kontext ist diese Frage überhaupt entstanden? Warum ist das für Lea eine so schwere Entscheidung? Was sagt das über sie, über ihre Rolle, über das System, in dem sie arbeitet?

Vielleicht steckt in der Frage eine tiefere: Wie viel Verantwortung übernimmt Lea für andere, die sie nicht übernehmen können oder wollen? Wessen Problem löst sie hier eigentlich? „Keines von Beiden“ löst nicht das Dilemma, aber es verschiebt den Blick auf den Boden, auf dem es gewachsen ist.

IV

Und dann gibt es die fünfte Position. Varga von Kibéd und Sparrer nennen sie: All dies nicht, und selbst das nicht.

Sie ist keine Position mehr. Während „Keines von Beiden“ noch fragt, woher das Dilemma kommt, geht die fünfte einen Schritt weiter: Sie negiert auch sich selbst. Sie erinnert daran, dass selbst der Blick auf den Kontext ein Blick aus einem bestimmten Rahmen ist – und dass dieser Rahmen ebenfalls einer ist.

Für Lea hieße das nicht mehr: Warum fällt mir diese Entscheidung so schwer? Sondern: Was bedeutet „Verantwortung“ für mich überhaupt, und woher kommt dieses Bild? Nicht im Sinne einer Therapiefrage, sondern als kurzes Innehalten vor dem nächsten Gedanken. Die fünfte Position gibt keine Antwort. Sie macht sichtbar, dass auch das Fragen selbst eine Form ist.

Das klingt abstrakt, und das ist es auch. Wer schon einmal gemerkt hat, dass die Erschöpfung nicht von der Entscheidung kommt, sondern davon, wie wir sie formen, weiß, was damit gemeint ist.

V

Das Tetralemma liefert also keine Lösung, sondern eine Bewegung. Es dreht eine festgefahrene Frage durch vier Perspektiven, von denen jede etwas sichtbar macht, das die anderen verdecken. „Das Eine“ und „das Andere“ sind die Pole, zwischen denen wir feststecken. „Beides“ zeigt, was wir übersehen haben. „Keines von Beiden“ zeigt, woher die Frage kommt. Und die fünfte Position erinnert daran, dass auch dieser Rahmen einer ist.

Das ist kein Trick und keine Therapie. Es ist eine Denkform; eine, die wir üben können, allein oder mit anderen, im Gespräch oder auf dem Papier. Varga von Kibéd und Sparrer haben das Buch mit Übungen vollgepackt, mit Experimenten, mit Anleitungen zum Selbstversuch. Wir können es wie ein Arbeitsbuch lesen oder wie eine Philosophie. Beides funktioniert.

Was bleibt, ist die Grundüberzeugung: Wer in einem Dilemma feststeckt, hat meistens nicht zu wenig Antworten, sondern die falsche Frage.


Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen. Matthias Varga von Kibéd & Insa Sparrer, zwölfte Auflage (2023).


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