Herr H. und wie er die Welt sah

In: Anekdoten
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Wir sitzen in der vollständig privatisierten Kantine an einem kleinen Tisch und starren auf unsere Teller, vergleichen, wer was auf dem Tablett und wie viel er dafür gezahlt hat. Das gleiche Essen, ein drittel teurer? „Es läuft immer nur auf zwei Möglichkeiten hinaus“, sagt Herr H. (Name von mir gekürzt, aber des Reimes wegen im Titel behalten), „entweder bist du asi oder blöd„.

Asi oder blöd—in den Raum gestellt. Immerhin, Herr H. ist promovierter Mathematiker. Spielt überdurchschnittlich gut Schach. Hat schon viele Firmen von innen gesehen und Betriebsabläufe hautnah miterlebt. Außerdem programmiert er Datenbanken! Seine Meinung kann man also durchaus als substanziell bezeichnen.

„Wie meinst du das?“, schmeichle ich ihm naiv fragend.

„Du weißt doch, dass man die Beilagen auch auf Teller legen kann. Das normale Essen wird abgewogen und danach bezahlt. Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber unabhängig von der Füllmenge im Beilagenteller zahlst du den selben Preis für diese. Entweder füllst du dir den Teller nun bis zum Anschlag auf—und bist asi—oder du tust die Beilagen mit auf den Teller, weil du nicht so viele Beilagen möchtest oder es eben asi findest—und bist blöd.“

Interessante Idee. Ich möchte mehr wissen.

„Du hast einen Mitarbeiter–Ausweis, bekommst damit das Essen günstiger. Hast du keinen, sagst du, du wärest Mitarbeiter—und bist asi. Wenn du das nicht tust, bist du blöd.“

Mehr?

„Steuern. Entweder du reizt das Steuersystem so gut es geht aus, versuchst zu deinem Vorteil zu tricksen, und bist asi, oder du lässt es, weil es dich nicht interessiert oder du das für falsch hältst—und bist blöd. Du rufst laut ‚Erster!‘ oder gehst unter.“ Und ein paar Beispiele mehr.

Wirklich interessante Idee. Implikationen, Folgewirkungen, Richtigkeit?

„Interessante Idee—guten Appetit noch, ich stehe schon mal auf. Die Frau ansprechen, die du die ganze Zeit anschaust.“

Ich bin doch nicht blöd.