Die Gibson-Suarez-Skala

26/10/19 · 3 Min. Lesezeit

„Die Zukunft ist schon da, nur ungleich verteilt.“

Mit diesem William-Gibson-Gedanken kamen Patrick und ich eine Weile ganz gut durch die Nachrichten. Irgendwo war immer etwas aufgetaucht, das anderswo noch Science-Fiction hieß.

Dann brauchten wir gelegentlich Daniel Suarez dazu. Manche Meldungen klangen inzwischen nach dem Beginn einer Handlung seiner Romane, die gleich mehrere Ministerien in unserer Welt beschäftigen würde.

Daraus wurde die Gibson-Suarez-Skala. Ein nur halb ernst gemeintes Instrument für die Frage: Wie krass ist es eigentlich, dass das hier keine Romanstelle ist, sondern bereits Teil unserer Wirklichkeit?

Gibson steht dabei für unseren Blick auf eine Gegenwart, in der Hochtechnologie, alte Macht und improvisierter Alltag ineinandergreifen. Suarez für den Moment, in dem technische Möglichkeiten größere Verhältnisse umbauen. Die Skala reicht vom befremdlichen Detail bis zu veränderten Spielregeln.

I

Ein Mann in Kolumbien entwickelte Tumoren, deren Zellen nicht menschlich waren. Sie stammten von einem Bandwurm. NPR berichtete darüber 2015. Im unteren Bereich der Skala steht dieser Fall für ein biologisch unheimliches Detail: Selbst die Antwort auf die Frage, wessen Krebs da wächst, kann unerwartet ausfallen. Die Skala misst dabei nicht die Schwere eines Schicksals, sondern die Tragweite der Verschiebung.

Ein Stück weiter: MapQuest ergänzt seine Karten um eine Ebene mit bekannten Überwachungskameras und Kennzeichenlesern. Der beiläufige Cyberpunk steckt hier in der Gegenkarte als gewöhnlicher App-Funktion. Eine Infrastruktur beobachtet die Straße; eine andere zeigt, wo die erste steht. Gegenüberwachung wird ein Menüpunkt.

Dann der von Hunt.io dokumentierte Angriff auf Thailands Finanzministerium. Die Forschenden fanden unter anderem Protokolle eines Hermes-KI-Agenten, der unbeaufsichtigt im Netzwerk arbeitete. Mehrere Systeme waren nach ihrer Analyse kompromittiert. Der Fall liegt im Mittelfeld der Skala: Ein Akteur delegiert Arbeit an Software, die sich durch fremde Infrastruktur bewegt. Die Angriffsprotokolle lagen derweil auf einem offen zugänglichen Server. Dabei treffen fortgeschrittene Automatisierung und gewöhnliche Nachlässigkeit aufeinander.

Einen möglichen oberen Bereich der Skala markiert ein Innovationswettbewerb von NATO und Ukraine, über den Der Standard berichtet: Gesucht werden Systeme, die gegnerische Flugfelder dauerhaft unbrauchbar machen können. Autonom operierende Technik trifft auf kurze Entwicklungszyklen und militärische Infrastruktur. Die Zerstörung hat eine öffentliche Ausschreibung.

II

Mehr Technik bedeutet nicht automatisch einen höheren Wert. Manchmal reicht ein Wasserhahn: In Georgia bemerkten Anwohner niedrigen Wasserdruck. Bei der Untersuchung kamen zwei nicht korrekt erfasste Wasseranschlüsse eines Rechenzentrums zum Vorschein. Die digitale Infrastruktur hatte sich im Badezimmer gemeldet.

Solche Verbindungen geben den Ausschlag: Dinge, die einzeln bekannt sind, ergeben zusammen eine Gegenwart, für die uns bisher eher Romane als Alltagsbegriffe zur Verfügung standen.

Auch etwas Gutes kann weit oben landen. Eine technische Möglichkeit, die Millionen Menschen neue Handlungsspielräume eröffnet, könnte die Skala ebenso weit hinauftreiben wie ein globaler Exploit.

Wir vergeben vorerst keine klaren Nummern. Wir schicken uns Links und erwähnen die Skala. Irgendwo zwischen „seltsames Detail“ und „das verändert die Spielregeln“ liegt inzwischen ein erheblicher Teil der Morgenlektüre.


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