„Are We the Baddies?“ aus dem gleichnamigen Sketch von Mitchell and Webb (2006)

Sind wir die Bösen?

2026.07.15

Die Antwort ist zu leicht. Natürlich nicht. Keine Uniform, keine Totenköpfe, kein Zweifel, der uns aus einem Schützengraben heraus überfällt. Die Frage lässt uns raus, bevor sie uns etwas abverlangt. Sie trifft nicht, was tatsächlich passiert. Und was tatsächlich passiert, ist kleiner und leiser. Deshalb schwerer zu sehen.

Es gibt zwei Räume, die du beide gut kennst. Im einen sitzt du mit deinem Team, deiner Familie, den Leuten, für die du sorgst. Du bist loyal, aufmerksam, du gibst, du hältst zusammen, wenn es hart wird. Das ist kein Vorwand. Das ist echt. Im anderen Raum, irgendwo weiter weg, unscharf, meist außerhalb des Bildausschnitts, liegen die Kosten für das, was im ersten Raum passiert.

Die zwei Räume haben eine Tür zueinander. Sie ist nie verschlossen; du gehst einfach nicht hindurch. Nicht aus Feigheit – weil der Blick seinen Preis hat. Ins Zimmer der Konsequenzen zu schauen würde bedeuten, den Erfolg im ersten Zimmer nicht mehr sauber genießen zu können. Also lässt du die Tür einfach im Rücken, jeden Tag, ohne einen Beschluss dazu zu fassen. Keine Entscheidung. Eine Gewohnheit, nicht hinzusehen.

Das Perfide daran: die Güte im ersten Zimmer ist die Währung, mit der du dich selbst quittierst, für alles, was im zweiten passiert. Du musst den zweiten Raum nicht einmal betreten, um dich sauber zu fühlen. Es reicht, im ersten gut gewesen zu sein.

Menschen erlauben sich mehr, sobald sie ein moralisches Guthaben angesammelt haben. Dieses Guthaben entsteht nicht nur durch gute Taten, sondern schon durch die Absicht, gut zu sein, durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit gutem Ziel. Du musst das Ziel nicht erreichen. Du musst nur glaubhaft auf dem Weg dahin sein. Der Kontostand steigt durch Richtung, nicht durch Ankunft.

Und dann gibt es noch die robustere Version dieser Rechnung, die gar keine Absicht mehr braucht: der Erfolg selbst als Urteil. Es funktioniert, also war es richtig – die Zahlen sprechen, wozu noch die Frage stellen. Du musst nicht mal selbst erfolgreich sein, damit es greift. Es reicht, dass die Leute, nach denen du dich richtest, erfolgreich sind. Ihr Erfolg wird zu deiner Rechtfertigung: geliehen, unbeglichen, aber gültig genug, um weiterzumachen.

Und wenn jemand von außen an die Tür zum zweiten Zimmer klopft, eine Frage stellt, einen Zweifel äußert – verschiebt sich die Messlatte selbst, unauffällig, wie ein Kompass, der sich neu ausrichtet, ohne zu zittern. Aus „hat das jemandem geschadet“ wird „bin ich meinen Leuten treu“. Du merkst den Wechsel nicht als Wechsel. Du erlebst ihn als Moral.

Manchmal steht im zweiten Zimmer jemand am Fenster und schaut zur Tür herüber, durch die du nicht gehst. Du bemerkst es nicht. Du bist zu beschäftigt damit, im ersten gut zu sein.

Es ist eine alte und gut belegte Beobachtung über Kooperation: Zusammenhalt nach innen wird oft gerade dadurch möglich, dass die Kosten nach außen verlagert werden. Je enger der Kreis, desto blinder der Blick auf das, was ihn zusammenhält. Kein Defekt bestimmter Charaktere. Die Statik von Gruppen, jeder Gruppe, deiner auch.

Sind wir die Bösen? Falsche Frage. Zumindest eine, die zu billig zu beantworten ist. Die interessantere Frage ist, auf welcher Bühne wir überhaupt prüfen. Wir stellen das Urteil aus, indem wir im selben Zimmer bleiben, in dem wir auch den Applaus bekommen. Niemand hat je den zweiten Raum betreten und ist als derselbe herausgekommen.


Titelbild: „Are We the Baddies?“ aus dem gleichnamigen Sketch von Mitchell and Webb (2006)

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