Das Gewicht des Leviathan
Im Juni 2025 musste Microsoft öffentlich versichern, seine Dienste für den Internationalen Strafgerichtshof nicht eingestellt zu haben. Zuvor war über die Trennung des unter amerikanischen Sanktionen stehenden Chefanklägers Karim Khan von Microsoft-Diensten berichtet worden. Der genaue Vorgang blieb ungeklärt; Microsoft unterschied ausdrücklich zwischen dem sanktionierten Mitarbeiter und dem Gerichtshof. In Europa hatte der Fall bereits Sorgen um die Verfügbarkeit amerikanischer Digitaldienste und Forderungen nach eigenen Alternativen ausgelöst.
Die Irritation reichte über eine Mailadresse hinaus. Ein Gerichtshof kann sich auf internationales Recht berufen und für seine tägliche Arbeit auf Unternehmen angewiesen sein, die unter der Hoheit eines einzelnen Staates stehen. Die politische Reichweite einer Macht steckt auch in den gewöhnlichen Dingen, mit denen andere ihre Geschäfte erledigen. Sie fällt oft erst auf, wenn deren Verfügbarkeit fraglich wird.
Die Vereinigten Staaten sind der Hegemon dieser Ordnung. Ihre Stellung beruht auf militärischer Überlegenheit, wirtschaftlichen Verbindungen, Institutionen und der Beteiligung anderer. Große Teile der Welt haben ihre Abläufe auf amerikanische Macht und amerikanische Leistungen eingerichtet. Was lange als verlässliche Voraussetzung galt, erscheint inzwischen häufiger als Bedingung, über die jemand anderes verfügen kann.
Darin zeichnet sich der Umbau einer Weltordnung ab. Ihre Einrichtungen bestehen fort, während sich ihr Gebrauch verändert. Die Vormacht bleibt mächtig; ihre Partner bleiben verbunden. Doch die Gründe, aus denen sie zusammenhalten, verschieben sich. Das Ende einer hegemonialen Form kann lange vor dem Ende der Macht beginnen, die sie getragen hat.
I
Auf dem Titelblatt von Hobbes’ Leviathan erhebt sich ein gekrönter Riese über eine Landschaft. In seinen Händen liegen Schwert und Bischofsstab, sein Körper besteht aus Menschen. Über den Häusern und Hügeln erscheint die Macht als zusammenhängende Gestalt. Aus der Nähe wird sichtbar, woraus sie gemacht ist.
Die amerikanisch geprägte Ordnung hat keinen gemeinsamen Souverän. Die verbundenen Staaten besitzen eigene Interessen, und nicht jeder Nutzer ihrer Leistungen gehört einem amerikanischen Bündnis an. Selbst enge Verbündete können sich widersetzen. Dennoch hilft das Bild, eine Bedingung von Führung zu sehen: Der Riese überragt diejenigen, deren Kräfte ihn groß machen. Seine Stellung reicht über seine eigenen Mittel hinaus, solange andere an ihr mitwirken.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte amerikanische Überlegenheit in Westeuropa ein Angebot werden. Wirtschaftliche Hilfe und dauerhafte Sicherheitsbindung eröffneten Wege aus der Zerstörung und Schutz gegenüber der sowjetischen Macht. Europäische Regierungen suchten diese Bindung aktiv. Der Historiker Geir Lundestad beschrieb den Vorgang als Empire by Invitation?. Die Einladung machte die Beteiligten nicht gleich stark. Sie erklärt, weshalb die Schwächeren eigene Gründe hatten, die stärkere Macht bei sich zu halten.
So entsteht die besondere Leistung von Hegemonie. Eine Vormacht setzt ihre Interessen durch und ermöglicht anderen, einen Teil ihrer eigenen Ziele zu erreichen. Schutz, wirtschaftliche Möglichkeiten und gemeinsame Regeln geben der Teilnahme einen Wert. Die Führung muss nicht jede Zustimmung einzeln erzwingen. Andere planen mit ihr, investieren in ihre Dauer und verteidigen Einrichtungen, von denen sie selbst profitieren.
Zur amerikanischen Ordnung gehörte dabei eine produktive Begrenzung amerikanischer Macht. John Ikenberry beschreibt in After Victory, wie sich eine überlegene Macht durch Institutionen und zugesagte Verfahren binden kann, um eine dauerhaftere Ordnung zu gewinnen. Die Partner müssen weniger willkürliche Eingriffe fürchten. Die Vormacht erhält im Gegenzug etwas, das sich durch Überlegenheit allein nur teuer beschaffen ließe: verlässliche Mitwirkung.
Ungleichheit und Zwang verschwinden dadurch nicht. Aber es macht einen Unterschied, ob andere die Ordnung auch wegen ihrer Leistungen erhalten wollen. Ein Sicherheitsversprechen schafft Raum für wirtschaftliche Tätigkeit. Berechenbare Regeln erlauben langfristige Entscheidungen. Mit der Zeit werden diese Leistungen zu Voraussetzungen, über die im Alltag kaum noch nachgedacht werden muss.
Eine Ordnung hat sich besonders tief durchgesetzt, wenn ihre Mitglieder sie nicht ständig als Ordnung wahrnehmen. Sie erscheint als vernünftige Art, Dinge zu tun. Unternehmen wählen bewährte Dienste, Regierungen verlassen sich auf gemeinsame Fähigkeiten, Einrichtungen übernehmen die Verfahren ihrer Partner. Die Geschichte einer Macht wird zur Gewohnheit der anderen.
II
Mit dieser Gewöhnung verändert der Erfolg seine eigenen Voraussetzungen. Was zuverlässig von außen kommt, muss im Inneren nicht vollständig vorgehalten werden. Arbeitsteilung spart Mittel; doppelte Fähigkeiten erscheinen verzichtbar. Der Nutzen ist unmittelbar, die Kosten einer später nötigen Alternative liegen in einer unbestimmten Zukunft. Viele vernünftige Einzelentscheidungen können so gemeinsam eine Lage schaffen, die niemand ausdrücklich beschlossen hat.
Ein Unternehmen kann produktiver werden, während seine technischen Voraussetzungen außerhalb seines Zugriffs liegen. Ein Staat kann Wohlstand gewinnen, während er wichtige Sicherheitsleistungen nicht mehr eigenständig erbringen könnte. Die Ordnung funktioniert weiterhin. Gerade ihr Funktionieren macht es leichter, die Vorsorge für ihren Ausfall aufzuschieben.
Die Bindung wird damit schwerer lösbar. Entscheidend ist weniger die Entfernung zum Zentrum als die Tiefe der Einbindung: welche Dienste fehlen würden, welche Märkte sich nicht rasch ersetzen lassen, welche Fähigkeiten erst wieder aufgebaut werden müssten. Wer eng verbunden ist, kann Einfluss und Vorteile gewinnen. Er kann zugleich den Punkt verpassen, an dem aus günstiger Zusammenarbeit eine schwer vermeidbare Voraussetzung wird.
Währenddessen bleibt auch die Vormacht nicht in der Lage ihrer Gründungszeit. Verpflichtungen dauern an, Rivalen entwickeln eigene Fähigkeiten, neue Aufgaben kommen hinzu. Der Vorsprung, aus dem die Ordnung entstand, muss nun innerhalb einer Welt erhalten werden, die durch diese Ordnung selbst verändert wurde. Die anderen sind wohlhabender geworden, ihre Ansprüche haben sich entwickelt, manche brauchen die Führung weniger, andere umso mehr.
Joseph Tainter beschreibt Komplexität als gesellschaftliche Problemlösung, deren zusätzlicher Aufwand auf Dauer weniger zusätzlichen Nutzen bringen kann. Mehr Verwaltung, engere Koordination und neue Zuständigkeiten helfen, Schwierigkeiten zu bewältigen; sie müssen anschließend selbst erhalten werden. Die bisherige Lösung wird zum Teil der nächsten Aufgabe. Tainters Gedanke lenkt den Blick auf die Erneuerung einer Ordnung: ob sie Aufgaben anders lösen kann oder jede Schwierigkeit nur noch mit einer weiteren Belastung beantwortet.
Peter Turchin betrachtet eine andere Grenze: die Konkurrenz innerhalb von Eliten und ihre Bedeutung für gesellschaftliche Krisen. In seiner historischen Modellierung kann der Streit um Macht und Verteilung die staatliche Fähigkeit schwächen, Mittel für gemeinsame Aufgaben einzusetzen. Wer Nutzen erhält, wer Lasten trägt und wer über ihre Verteilung entscheiden darf, wird selbst zum Konflikt. Materielle Stärke und politische Fähigkeit bewegen sich nicht notwendig gemeinsam.
Für eine Weltmacht kann daraus ein eigentümlicher Überdruss entstehen. Sie will die Stellung behalten, aber weniger für deren bisherige Form aufbringen. Partner wollen den Schutz erhalten, aber ihren politischen Spielraum vergrößern. Rivalen verteuern die Erhaltung und machen den Schutz zugleich wertvoller. Gerade wer sich durch einen äußeren Gegner bedroht fühlt, kann innerhalb des Bündnisses schlechter auf Abstand gehen.
Überdehnung wird spürbar, wenn die bisherigen Ansprüche und die Bereitschaft, für sie aufzukommen, auseinandergehen. Eine Ordnung kann den USA weiterhin nützen, während ihre Erhaltung politisch umstritten wird und einzelne Partner immer stärker belastet. Die entscheidende Rechnung lautet dann, wer die veränderten Bedingungen auf wen abwälzen kann. Das Zentrum kann gegenüber Rivalen Vorsprung verlieren und gegenüber den eigenen Partnern stärker zugreifen. Sein Umfeld wird enger, während seine Macht noch eindrucksvoll erscheint.
IIl
Eine Vormacht kann auf diese Lage mit Reform, Rückzug oder einer neuen Verteilung gemeinsamer Aufgaben reagieren. Sie kann ihren Partnern mehr Eigenständigkeit zumuten und zugestehen. Sie kann aber auch intensiver nutzen, was die bisherige Zusammenarbeit an Abhängigkeiten geschaffen hat. Dann verändert sich der Gebrauch der Ordnung: Aus ihrer Verlässlichkeit wird ein politischer Vorbehalt.
Am 17. Januar 2026 kündigte Donald Trump Zölle gegen mehrere europäische NATO-Verbündete an, verknüpft mit seinem Vorhaben, Grönland zu erwerben. Der amerikanische Absatzmarkt sollte als Hebel für ein territoriales Ziel dienen. Unternehmen hätten den Preis einer politischen Weigerung zu tragen gehabt. Im Europäischen Parlament wurde daraufhin die Arbeit an der Umsetzung des Handelsabkommens ausgesetzt. Am 21. Januar nahm Trump die angekündigten Zölle zurück.
Die Zusammenarbeit endete damit nicht. Im September unterzeichneten die beteiligten Regierungen ein Verteidigungsabkommen, das zusätzliche amerikanische militärische Möglichkeiten vorsieht und zugleich dänische Souveränität und grönländische Selbstbestimmung bestätigt. Grönland wurde nicht verkauft. Doch zwischen Verbündeten war offen erprobt worden, ob sich wirtschaftliche Abhängigkeit für eine sachfremde Forderung einsetzen ließ. Fortgesetzte Kooperation macht diesen Gebrauch ihrer Voraussetzungen nicht ungeschehen.
Der Zugriff reicht über die eigenen Bündnisse hinaus. Die amerikanische Sanktionsanordnung gegen den Internationalen Strafgerichtshof sieht unter anderem Einschränkungen von Geld-, Güter- und Dienstleistungen zugunsten sanktionierter Personen vor. Eine Regierung kann auf diese Weise über Unternehmen unter ihrer Hoheit auf die Arbeitsbedingungen einer internationalen Institution einwirken. Sie muss diese Institution weder beherrschen noch ihre Regeln anerkennen, um ihre Tätigkeit zu erschweren.
Henry Farrell und Abraham Newman erklären in Weaponized Interdependence, wie wirtschaftliche Netze Macht an zentralen Knoten bündeln. Wer den nötigen staatlichen Zugriff besitzt, kann Informationen gewinnen oder Zugang beschränken. Die Effizienz, wegen der viele denselben Dienst nutzen, konzentriert zugleich den möglichen Eingriff. Was Unternehmen als gute Lösung wählen, kann einem Staat Reichweite verschaffen, die weit über sein Territorium hinausgeht.
Der Fall des Gerichtshofs zeigt auch die Rückwirkung. Sobald die politische Verfügbarkeit eines Dienstes fraglich wird, verändert sich die Rechnung seiner Nutzer. Ein günstiges Angebot enthält nun ein Risiko, das zuvor kaum eingepreist wurde. Das Dementi einer umfassenden Abschaltung beseitigt die neu gestellte Frage nicht: Wer könnte die tägliche Arbeit unter welchen Bedingungen unterbrechen? Vorsorge wird vernünftig, obwohl die meisten Abläufe weiter funktionieren.
Doch auch die Vorsorge kann Gegenstand des Drucks werden. Im Oktober 2026 berichtete Golem über die Warnung des amerikanischen EU-Botschafters Andrew Puzder vor Vergeltung gegen europäische Unternehmen, falls Europa Anbieter wie SpaceX bei der Frequenzvergabe einschränke. Puzder verwies ausdrücklich auf die Größe des amerikanischen Marktes. Der europäische Vorschlag für ein bestimmtes Satellitenfunkband sieht unter anderem einen Bereich für staatliche Dienste eines EU-Betreibers vor. Hier geraten die europäischen Unternehmen, die auf den US-Markt angewiesen sind, zum möglichen Kostenträger einer europäischen Entscheidung über eigene Fähigkeiten. Welche Vergeltungsmaßnahme folgen sollte, blieb in dem Bericht offen.
Damit erhält der Versuch, Abhängigkeit zu verringern, einen zusätzlichen Preis. Die Ordnung bindet nicht mehr allein durch den Nutzen ihrer Leistungen, sondern stärker auch durch die Schwierigkeiten, sich anders einzurichten. Für die Vormacht kann jede durchgesetzte Forderung wie eine Bestätigung ihrer Unentbehrlichkeit aussehen. Für die Partner wird dieselbe Forderung zum Grund, diese Unentbehrlichkeit zu beenden.
Darin liegt die mögliche Selbstbeschädigung einer starken Macht. Sie greift auf Beziehungen zu, von deren freiwilliger Fortsetzung sie profitiert. Kurzfristig kann sie mehr erhalten, langfristig weniger Verlässlichkeit erzeugen. Zugleich können zusätzliche Lasten ihren Partnern gerade die Mittel entziehen, mit denen diese Alternativen aufbauen müssten. Der Druck löst dann keine Befreiung aus; er vertieft die Bindung. Die Krise einer hegemonialen Ordnung kann zuerst bei denen sichtbar werden, die sie tragen, während ihr Zentrum weiter seine Stärke vorführt.
IV
Die Neuordnung setzt deshalb nicht erst mit dem Sturz des Hegemons ein. Sie beginnt dort, wo andere ihre Erwartungen ändern, Vorsorge treffen und Verbindungen neu ordnen. Ein einzelner Wechsel eines Anbieters macht noch keine Weltgeschichte. Viele solcher Entscheidungen verändern jedoch die Voraussetzungen, unter denen Führung künftig möglich ist. Die alte Ordnung wird weiter benutzt, während bereits an anderen Bedingungen ihrer Fortsetzung gearbeitet wird.
Diese Ungleichzeitigkeit prägt die Gegenwart. Militärische Stärke kann fortbestehen, während Vertrauen schwindet. Unternehmen können verdienen, während Staaten an eigenem Spielraum verlieren. Ein Bündnis kann bestehen bleiben und seinen politischen Charakter verändern. Das macht den Übergang schwer zu erkennen, solange die sichtbare Stärke des Zentrums als Maßstab für den Zustand der ganzen Ordnung dient.
Herausforderer wirken an diesem Umbau mit, lange bevor einer von ihnen eine neue Weltordnung tragen könnte. Russlands Krieg gegen die Ukraine erhöht Europas Schutzbedarf und erschwert damit zugleich die Distanzierung von Washington. China bietet wirtschaftliche und technische Verbindungen, die als Auswege aus amerikanischer Abhängigkeit attraktiv werden können. Die Möglichkeiten des einen Zentrums verändern den Gebrauch der Macht des anderen.
Auch ein willkommener Anbieter gibt seine Stellung deshalb nicht aus der Hand. Am 16. Oktober 2026 erläuterte das chinesische Handelsministerium die geplante Erweiterung der Exportkontrollen für bestimmte KI-, Biomedizin- und Photovoltaiktechnologien. Es warb zugleich für internationale Zusammenarbeit und Erleichterungen. Bei bestimmten KI-Technologien würde die Übertragung für einen Betrieb im Ausland unter die Exportkontrolle fallen. Die Nutzung entsprechender Modelle über eine Schnittstelle oder Anwendung soll dagegen außerhalb dieses Technologieexportregimes bleiben. Die Katalogrevision befindet sich in der Konsultation; eine vorläufige Registrierungspflicht wurde bereits angeordnet.
Daran wird ein Unterschied sichtbar, der die nächsten Schritte prägen kann: Eine Leistung nutzen zu dürfen, bedeutet nicht, die Fähigkeit zu ihrer unabhängigen Erbringung zu besitzen. Der Wechsel des Anbieters kann den bisherigen Druck mindern und zugleich ein neues Gefälle schaffen. Ein alternatives Zentrum bietet Möglichkeiten und bewahrt Vorbehalte. Willkommen ist zunächst die zusätzliche Wahl, nicht notwendig die ganze Ordnung, die mit ihr wachsen könnte.
Auch neue Handelswege verändern die Macht nicht schon durch ihre Streckenführung. Ein IWF-Arbeitspapier über die Verschiebung globaler Verflechtungen weist darauf hin, dass Verbindungsländer zwischen geopolitischen Blöcken Warenströme stützen können, ohne die strategische Abhängigkeit notwendig zu verringern. Ein anderer Hafen ersetzt noch keine schwer ersetzbare Quelle. Auf der politischen Landkarte können mehrere Zentren entstehen, während bestimmte Netze weiterhin nur wenige Auswege lassen.
Aus den gegenwärtigen Antworten führen deshalb unterschiedliche Wege weiter. Amerikanische Führung könnte sich erneuern, wenn sie Aufgaben abgibt und stärkere Partner als Teil ihrer eigenen Tragfähigkeit zulässt. Europäische Eigenfähigkeit würde dann zugleich das Bündnis entlasten und amerikanischen Forderungen Grenzen setzen. Die gemeinsame Ordnung bliebe erhalten, aber ihr bisheriges Gefälle nähme ab. Eine solche Erneuerung verlangt von der Vormacht, dass sie den Verlust einzelner Zugriffsmöglichkeiten nicht schon als Verlust der ganzen Beziehung behandelt.
Beharrt sie dagegen auf ihrer Unentbehrlichkeit, kann eine härtere, stärker erzwungene Form der Bindung entstehen. Das Zentrum bleibt überlegen, seine Partner tragen höhere Kosten und werden schlechter in der Lage, sich anders einzurichten. Zugleich suchen diejenigen, die es können, neue Verbindungen. So können Abschöpfung und Ablösung nebeneinander fortschreiten. Der Hegemon hält Teile seiner Welt enger fest und verliert gerade dadurch andere. Ein globaler Nachfolger ist dafür nicht nötig.
Rom ist als Vergleich ergiebiger, wenn es diese unterschiedlichen Verläufe sichtbar macht. Während die westliche Zentralherrschaft zerfiel, bestand der östliche Staat unter veränderten Bedingungen fort. Die Forschung zu seiner Anpassung betont erhaltene Verwaltung, Ressourcenmobilisierung und Elitenbindung sowie geografische Vorteile. Ein kleinerer Operationsraum konnte den Fortbestand erleichtern. Für Menschen, die einen solchen Wandel erleben, liegen Ende und Fortsetzung nicht sauber hintereinander. Ihre Einrichtungen können weiterbestehen, während die Welt, in der diese einmal selbstverständlich waren, bereits verschwindet.
So lässt sich auch ein mögliches Ende der bisherigen amerikanischen Hegemonie verstehen. Die USA müssten dafür weder verschwinden noch aufhören, eine außerordentlich starke Macht zu sein. Enden könnte die Form, in der andere ihre Zukunft unter amerikanischer Führung einrichten und einen beträchtlichen Teil ihrer eigenen Vorsorge dieser Führung überlassen. An ihre Stelle könnte erneuerte Kooperation treten, ein engeres System erzwungener Bindungen oder ein Gefüge überlappender Mächte. Welche Fortsetzung sich durchsetzt, entscheidet sich auch an den Fähigkeiten, die heute aufgebaut, aufgegeben oder gegen andere verwendet werden.
Hobbes’ Riese steht still über seiner Landschaft. Eine hegemoniale Ordnung lebt davon, dass andere sich in ihr bewegen können. Ihr Gewicht verändert sich mit dem Gebrauch, den sie von ihrer Stärke macht. Wo sie ihren Fortbestand vor allem dadurch sichern will, dass niemand mehr ohne sie auskommt, beginnt ihre Rettung die Welt umzubauen, die sie retten soll.
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