Die Welt zeigt sich denen, die zu Fuß gehen
„The world reveals itself to those who travel on foot.“
Werner Herzog
Es gibt eine Version jeder Stadt, die wir nur aus dem Auto sehen: kuratiert, auf Reisezeit getrimmt, gefiltert durch eine Scheibe, die Geruch, Lärm und Tempo draußen hält. Der Fahrer weiß, welche Route die schnellste ist. Er weiß auch, welche Route Ausländer:innen zu sehen bekommen.
Als ich in Qinhuangdao war, bemerkte ich das erst am zweiten Tag. Die Route zur Arbeit war nicht die schnellste. Unser Fahrer erklärte es, eher widerwillig: Wir hätten sicher kein Interesse an den verlassenen Olympia-Standorten, an Straßenreinigern in der Früh, an alten Leuten, die auf den wenigen freien Flächen Taijiquan übten. Ich sagte, doch, genau das wolle ich sehen. Er war verwundert. Für ihn war die Scheibe normal: Besucher:innen sehen die Straßenreiniger nicht.
Zu Fuß gehen ist die einfachste Art, diese Scheibe zu entfernen. Kein Fahrer wählt die Route. Wir gehen dort, wo Tempo, Rhythmus, Blicke, Gerüche, das Treiben uns treffen. Das, woraus sich zusammensetzt, was wir im Rheinland „ein Veedel“ nennen, anderswo einfach „hier“. Die Nadelöhre, die Flächen zum Ausruhen. Die versteckten Seitenwege. Das Essen dort, wo es die Leute selbst essen, nicht dort, wo es uns empfohlen wird.
Es macht uns auch zu etwas. Wer bin ich hier? Tourist:in mit Projektionsfläche? Beobachter:in? Teilhaber:in, für eine Straßenlänge? Zufußgehen beantwortet diese Frage nicht. Es macht sie nur unausweichlich: Wir sind zu langsam, um ihr zu entkommen.
Und es hat eine Konsequenz, die wir leicht übersehen: Wir können nicht kuratieren, was uns zustößt. Der Fahrer oder der Nahverkehr setzen uns ab, wo wir glauben, sein zu müssen. Spätestens zu Fuß landen wir mitten in etwas, bevor wir entschieden haben, ob wir es wollen.
I
Auf Madeira, mitten in einem Dorf, gerieten wir in ein Volksfest. Wir waren nicht eingeladen, wir waren einfach da, zur falschen oder gerade zur richtigen Zeit auf der richtigen Straße. Ehe wir uns versahen, saßen wir am Grill. Jemand drückte uns Fleisch in die Hand, jemand anderes einen Becher, niemand fragte, wer wir waren. Geteilt wurde einfach, weil wir da waren.
Das ist eine Art von Zufußgehen, die nichts mit Entdeckung im touristischen Sinn zu tun hat. Wir hatten nichts gesucht. Wir waren nur langsam genug, dass uns etwas finden konnte.
Mit achtzehn saß ich in Japan am Tisch einer Gastfamilie. Der Vater schenkte uns Bier ein, weil er gehört hatte, dass wir in Deutschland mit sechzehn dürfen („Ist das so?“), und wenig später Sake, weil er hörte, wir dürften das ab achtzehn („Aber ihr habt doch noch gar keine Bärte!“). Er sang uns ein deutsches Wanderlied vor, das er sich noch aus seinem Studium in Heidelberg gemerkt hatte, seine Tochter verdrehte die Augen, die Mutter schenkte lächelnd Sake nach. Damals verstand ich nicht, was da gespiegelt wurde: ein Vater, der über die Sprache eines fremden Landes eine Brücke baute, während seine Tochter genau das als Peinlichkeit empfand, weil sie in beiden Kulturen lebte und wusste, wie beides aussieht. Mit achtzehn sah ich die Szene. Erst später verstand ich sie.
Auf Djerba geriet ein Fotograf fast außer sich, weil wir während des Fotoshootings einfach zu viel Spaß hatten, zu unbeschwert lachten für seinen Geschmack – er dachte wahrscheinlich, wir würden ihn nicht ernst nehmen, während wir nur ernst nahmen, dass wir gerade Urlaub machten. Ein Missverständnis, das keine Sprache braucht, um komisch zu sein: Er wollte Kontrolle über den Moment, wir wollten ihn einfach haben.
In Damaskus gingen wir mit einem Reiseleiter zu „meine Oma“ essen, was sich als Restaurantname entpuppte, nachdem wir uns durch die Altstadt gefragt hatten, ob wir zu acht nicht zu viele Gäste wären. Die Verwechslung war die ganze Pointe: eine banale sprachliche Differenz, die für ein paar Minuten eine ganz falsche, viel intimere Erwartung erzeugte, und die trotzdem, oder gerade deshalb, die einzige Art von Erinnerung ist, die ich Jahre später noch mit Vergnügen erzähle.
II
Die Inszenierung zeigt sich manchmal nicht, wenn wir sie suchen, sondern wenn wir ihr zu entkommen versuchen. Ich wurde zum Zufußgehen gefahren.
In Qinhuangdao wurde mir, als Dank für einen Projektabschluss, eine Führung über die Große Mauer angeboten. Mein Kollege lehnte ab: „Ist nur ‘ne Mauer.“ Er hatte das Land oft genug gesehen, um zu wissen, wie das Spiel läuft, und keine Lust mehr darauf. Ich nahm an. Am nächsten Morgen wurde ich eine halbe Stunde früher abgeholt, „damit die Mauer nicht zu lange für mich gesperrt bleiben müsste.“ Ich dachte, ich hätte mich verhört. Hatte ich nicht. Am Areal angekommen war ich der einzige Besucher. Die Souvenirstände, sonst überall, waren noch nicht aufgebaut – für mich, später. Ein Reiseführer verbrachte die meiste Zeit damit, andere Besucher:innen vom Gelände fernzuhalten. Für mich.
Ich wusste, dass das Theater war. Jeder Teil davon. Ich bin trotzdem hingegangen, habe gefragt, so viel ich konnte, und am Ende auf der Mauer gestanden, den Blick bis zum Horizont über dem Ozean, bis in die Berge, die sich am Horizont verlieren.
„Und? Ist nur ‘ne Mauer, oder?“, fragte mein Kollege, als ich zurückkam. „Ist nur eine Mauer“, sagte ich. „Aber eine ziemlich, ziemlich große.“
Beide Sätze stimmten. Die Mauer war echt, uralt, real, und meine Erfahrung von ihr war vollständig inszeniert, choreografiert für mich allein. Das eine hebt das andere nicht auf. Zufußgehen, oder auch nur langsames, aufmerksames Dabeisein, schützt uns nicht vor Inszenierung. Es zeigt sie uns nur genauer.
III
Es gibt eine Umkehrung dieser Geschichte, die mich mehr beschäftigt als die Mauer selbst: Manchmal kommt das Fremde nach Hause, ohne dass wir gereist sind.
In Düsseldorf steht das Ekō-Haus, im Garten der einzige von Japaner:innen erbaute buddhistische Tempel Europas – mitten im Rheinland, zwischen Vororthäusern und Vorgärten. Wer vorbeifährt, sieht vielleicht ein ungewöhnliches Dach. Wer zu Fuß vorbeikommt, fragt sich, warum er nie hineingegangen ist, obwohl es näher liegt als die meisten Sehenswürdigkeiten, für die wir extra verreisen.
Das wirft die unangenehmere Frage auf: Kennen wir die eigene Stadt überhaupt zu Fuß, oder nur die Route zur Arbeit, zum Supermarkt, zur Bahn?
Ein Paar aus New Jersey, das wir bei einem Essen kennenlernten, zeigte uns später an einem Abend Lissabon durch eine andere Linse. Für sie war fast alles Disneyland: jede Gasse ein Erlebnispark, jede Kachel ein Ausrufezeichen. Es war leicht, darüber zu lächeln. Aber ihre Begeisterung machte auch sichtbar, was wir selbst irgendwann übersehen, wenn wir zu oft an derselben Fassade vorbeigehen: dass sie überhaupt eine Fassade ist, gebaut, entschieden, gemeint.
In Bilbao suchten wir eine Sehenswürdigkeit und fanden versehentlich das Gemeindezentrum. Das Azkuna Zentroa – ein altes Weinlager, umgebaut zu einem öffentlichen Kulturhaus mit einem Schwimmbad, dessen Boden aus Glas ist, sodass wir von unten durch die Säulen zur Decke schauen. Kein Ausflugsziel im Reiseführer-Sinn, nur der Ort, an dem die Stadt selbst hinkommt, um sich zu treffen. Und trotzdem, oder gerade deshalb, eines der faszinierendsten Gebäude, das ich je gesehen habe.
Die Welt zeigt sich denen, die zu Fuß gehen.
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