Der High-Five(r)

2026.07.17

Wenn wir jemanden sehen, der die nächste Skalierung feiert, KI-Agenten in seine Abläufe presst oder stolz die Fotos seines neuen Geländewagens zeigt, steigt in uns vielleicht dieser eine Satz auf: Siehst du eigentlich nicht, was du da tust?

Wir stellen uns vor, er stünde neben der Maschine, hielte die Hebel in der Hand und würde sich einfach weigern, auf die Warnblinker zu schauen. Allerdings ist das ein Irrtum. Er bedient das System nicht, er ist es. Er ist die Maschine, die sich selbst reproduziert. Er atmet die Logik seines Umfelds und übersetzt sie in messbaren Erfolg. Für ihn gibt es kein „Außen“, von dem aus er die Folgen betrachten müsste. Die Metrik ist seine Realität.

Deshalb sucht er in diesen Momenten auch keinen Antagonisten. Er sucht keinen Streit über Ethik oder Ressourcen. Er sucht einfach nur einen High-Five. Er will von den Leuten am Tisch hören, was hier als Bestätigung gilt: Cleverer Move. Guter Hebel. Du weißt, wie's läuft.

Und genau hier schnappt die Falle zu, sobald wir klüger sein wollen als die Situation. Wenn du stumm bleibst, ihm keine Reibung gibst, keine Empörung, in der Hoffnung, seine Kulisse bricht ohne dich zusammen: dann passiert nichts.

Er hält dich nicht für jemanden, der das Spiel durchschaut hat. Er hält dich für jemanden, der die Regeln nicht kapiert. Für ihn bist du niemand, der über das System hinausgewachsen ist; du hast den Anschluss verpasst. Ein bisschen langsam. Ein bisschen weltfremd. Er zuckt mit den Schultern, dreht sich zum Nächsten, holt sich den High-Five dort. Das System schließt die Lücke, die du gelassen hast, sofort. Du hast ihn nicht bestraft. Du hast nur dich selbst isoliert.

Die Vorstellung, der einzige nachdenkliche Mensch auf einer Party voller Ahnungsloser zu sein, ist tröstlich und falsch. Die Realität ist oft viel banaler und zugleich absurder: Ein großer Teil der Party ahnt sehr wohl, dass die Dinge nicht endlos weitergehen. Sie gehen nur kollektiv den Weg des geringeren Widerstands: Weitertanzen ist weniger anstrengend, als im Flur über das Ende der Musik nachzudenken.

Einen Unterschied machen wir dabei zu selten. Wenn viele Menschen einen Unfall beobachten, greift seltener jemand ein, nicht weil alle gleichgültiger werden, sondern weil sich die Verantwortung mit jedem weiteren Zeugen verdünnt. Irgendjemand wird schon. Das ist keine moralische Schwäche, das ist Statik. Sie macht das mit jedem.

Diese Verdünnung kennen wir von der Party längst. Wenn alle wissen, dass alle wissen, wird das Wissen leichter, nicht weil es sich löst, sondern weil es sich verteilt. Am Ende trägt niemand das ganze Gewicht. Das Gewicht des Sehens wandert von ich zu wir, kollektiv, irgendwie.

Es gibt eine andere Figur als den beobachtenden Menschen in der Menge. Nennen wir sie die Unfallbeobachterin im engeren Sinn, jemand, die nicht wartet, weil sie weiß: Niemand wird handeln. Der Unfall läuft, Hinsehen hält ihn nicht auf. Und trotzdem sieht sie hin, nicht um einzugreifen, sondern weil im Hinsehen etwas liegt, das sich nicht delegieren lässt. Kein anderer kann für sie diesen Blick werfen. Sie kann ihn an niemanden delegieren, nicht an das System, nicht an die Menge, nicht an ein irgendjemand wird schon.

Das ist etwas anderes als das, was gemeinhin persönliche Verantwortung heißt. Die neoliberale Version davon delegiert nach unten: Das System schiebt seine Rechenschaft aufs Individuum, damit niemand das System selbst befragen muss. Trenn deinen Müll, der Konzern ist fein raus. Das ist auch Verdünnung, nur in eine andere Richtung gegossen.

Was hier gemeint ist, läuft andersherum. Es ist der schmale Rest, der bleibt, wenn du alle Diffusion abziehst. Kein Auftrag von oben, keine Ideologie, die sich auf deine Kosten entlastet. Nur: dieser Blick, jetzt, von dir, sonst von niemandem.

Also suchst du den Raum nicht mehr nach Fehlern ab. Du suchst nach einem winzigen Signal, einem bestimmten Augenaufschlag. Einem Nicken, wenn am Tisch wieder die Wachstumslogik beschworen wird. Du suchst nach dem anderen Menschen im Raum, der den High-Five gerade ebenso lautlos ins Leere laufen ließ, nicht aus Zufall, sondern weil er weiß, dass niemand eingreifen wird, und trotzdem hinsieht.

Ob dieses Hinsehen schon eine Handlung ist oder nur eine subtilere Art, keine zu setzen, lässt sich in diesem Moment nicht entscheiden. Vielleicht ist es beides gleichzeitig, je nachdem, was danach kommt. Vielleicht ist es ein Unfallprotokoll für ein Gericht, das es noch nicht gibt.

Wenn sich diese Blicke treffen: keine Revolution. Ihr werdet die Maschine nicht anhalten. Was entstehen könnte, nicht garantiert, nicht versprochen, nur möglich, ist eine Ausrichtung, aus der später etwas wird, das mehr ist als zwei Blicke. Ob daraus Kooperation wächst oder nur eine weitere Art, die Last gemeinsam zu tragen, ohne sie zu heben, weiß in diesem Moment keiner von euch. Aber ihr seid nicht mehr allein damit.


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