Keine Götter, nur Prophet:innen

„Die Anbetung des Goldenen Kalbes“ (Nicolas Poussin, 1633)
Es gibt einen Moment in der Geschichte jeder Zivilisation, in dem die Götter sterben, aber die Altäre bleiben. Die Tempel stehen noch, die Rituale werden vollzogen, aber die Präsenz, jene unbestreitbare, transzendente Autorität, ist verschwunden. Was bleibt, ist ein Vakuum, das unweigerlich gefüllt wird.
Wir leben in einer solchen Zeit; wir haben nur vergessen, dass wir es vergessen haben.
Die Aufklärung hat gründliche Arbeit geleistet. Gott ist tot, verkündete Nietzsche, und wir haben ihn getötet. Er meinte nicht nur den christlichen Gott; er meinte jede Form absoluter, transzendenter Autorität – jede Instanz, die außerhalb des menschlichen Diskurses steht und ihn legitimiert.
Die Moderne hat alle Götter systematisch demontiert: Sie ersetzte den theologischen Gott durch die Wissenschaft, den monarchischen durch die Demokratie, den ideologischen durch den Postmodernismus und schließlich sogar den rationalen Gott durch die Komplexitätstheorie.
Was bleibt, ist eine Welt ohne externe Referenzpunkte, ohne absolute Wahrheiten und unhinterfragbare Autoritäten. Es gibt nur noch Menschen, Systeme und Narrative – alles konstruiert, verhandelbar und im Fluss.
Was in der Theorie wie die ultimative Befreiung klingt, erweist sich in der Praxis als unerträglich.
Der Mensch ist nicht für die Leere gebaut. Wir sind Mustererkennungsmaschinen, Sinnstiftungsapparate, Geschichtenerzähler:innen. Wir brauchen Orientierung, wir verlangen nach Autorität; nicht aus Schwäche, sondern aus der strukturellen Notwendigkeit, in einer unendlich komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben.
Wenn die Götter verschwinden, erscheinen die Prophet:innen. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Ein Gott spricht aus einer Position jenseits des Systems. Seine Autorität ist transzendent, unanfechtbar, absolut. Er ist die Ordnung selbst.
Prophet:innen sprechen aus einer Position innerhalb des Systems. Ihre Autorität ist charismatisch, performativ, relativ. Sie verkünden die Ordnung, aber sie sind sie nicht.
Genau hier liegt das Problem: Wir behandeln diese Prophet:innen wie Götter. Wir projizieren auf sie die Autorität, die wir verloren haben, erwarten von ihnen Antworten, die sie nicht geben können, und verlangen Gewissheit, wo nur Interpretation möglich ist.
Betrachten wir die Figuren, die in der öffentlichen Vorstellung den Raum einnehmen, den einst Staatsmänner, Philosoph:innen oder religiöse Führer:innen innehatten: Die Tech-Milliardär:innen, die „Visionär:innen“, die Gründer:innen.
Sie sprechen nicht mehr nur über Produkte oder Märkte; sie sprechen über die Zukunft der Menschheit. Über Bewusstsein, über die Rettung der Zivilisation, über die Kolonisierung des Mars als Notfallplan für die Spezies. Ihre Produktpräsentationen sind Predigten, ihre Interviews sind Offenbarungen und ihre Tweets sind Schriftrollen.
Und wir hören zu, weniger weil sie recht haben, als vielmehr weil wir wollen, dass jemand recht hat. Weil die Komplexität der Welt so erdrückend ist, dass die Vorstellung, es gäbe jemanden, der den Überblick hat, der den Plan kennt, der die Lösung besitzt, eine unerträgliche Erleichterung darstellt.
Das Heilsversprechen der Prophet:innen folgt immer demselben Muster. Es beginnt mit der Diagnose, dass die Welt kaputt sei und die alten Wege in den Abgrund führten. Darauf folgt die Offenbarung: „Ich habe verstanden, was andere nicht sehen“ – sei es durch Technologie, Meditation oder „Denken in Grundprinzipien“. Die Lösung lautet dann: „Folgt mir. Kauft mein Produkt. Übernehmt mein System. Investiert in meine Vision.“ Schließlich kommt das Versprechen: Wenn genug Menschen mitmachen, wird die Welt transformiert.
Das ist keine Geschäftsstrategie mehr, sondern Theologie. Und es ist eine Theologie ohne Gott; ein Heilsversprechen ohne transzendente Garantie. Prophet:innen können scheitern. Sie können lügen, sich irren. Und doch behandeln wir sie, als könnten sie es nicht.
Wenn Menschen lange genug in der Unsicherheit leben, in einer Welt ohne Götter, mit nur unzuverlässigen Prophet:innen, entsteht eine tiefe, oft unbewusste Sehnsucht: die Sehnsucht nach jemandem, der einfach entscheidet. Jemand, der nicht diskutiert, nicht verhandelt, nicht relativiert, sondern sagt: „So ist es. Punkt.“
Die Anziehungskraft des Autoritären liegt weniger in seiner Ideologie als in seiner Struktur. In unseren westlichen Demokratien, die in endlosen Debatten, Polarisierung und Handlungsunfähigkeit versinken, wirkt die Fähigkeit, Dinge zu tun – wie Infrastruktur zu bauen, Strategien umzusetzen, eine kohärente Vision zu artikulieren – wie eine göttliche Eigenschaft.
Diese Bewunderung ist nicht rational, sondern strukturell bedingt. Sie entspringt der Erschöpfung mit einer Welt, in der alles verhandelbar ist, in der jede Wahrheit eine Perspektive und jede Entscheidung ein Kompromiss ist.
Der Autoritäre verspricht: „Ich bin der Gott, den ihr verloren habt.“ Und ein erschöpfter Teil der Psyche antwortet: „Endlich.“ Und hier liegt die Verdrängung: Die Sehnsucht nach dem Autoritären ist gleichzeitig die Anerkennung seines Schreckens.
Wir wissen, dass autoritäre Systeme Freiheit vernichten. Wir wissen, dass sie Dissens unterdrücken. Wir wissen, dass sie auf Überwachung, Kontrolle und Gewalt basieren. Und doch: Wenn die Züge pünktlich fahren, wenn die Wirtschaft wächst, wenn die Straßen sauber sind – dann flüstert eine Stimme: „Vielleicht ist es den Preis wert.“
Das ist die ultimative Kapitulation; nicht vor einem Gott, sondern vor Prophet:innen, die vorgeben, einer zu sein. Und sie geschieht nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung.
Das Problem mit Prophet:innen ist nicht ihre Existenz, sondern dass wir vergessen haben, was sie sind: Menschen mit einer Vision, nicht mehr und nicht weniger. Sie können inspirieren, sie können mobilisieren. Sie können Möglichkeiten aufzeigen, die andere nicht sehen.
Aber sie können nicht die Wahrheit sein. Sie können sie nur suchen. Der Moment, in dem wir Prophet:innen wie einen Gott behandeln, in dem wir ihre Worte für unfehlbar halten, ihre Vision für alternativlos, ihre Autorität für absolut, ist der Moment, in dem wir die Aufklärung verraten.
Das Tragische ist, dass wir das nicht aus Dummheit tun, sondern aus Not. Wenn wir keine Götter mehr haben, wenn alle Autorität konstruiert, alle Wahrheit perspektivisch, alle Ordnung verhandelbar ist, wie navigieren wir dann?
Die post-konventionelle Antwort lautet: Wir halten die Spannung aus. Wir akzeptieren die Unsicherheit. Wir lernen, im Nebel zu tanzen. Aber das ist eine Antwort für Individuen, die die psychologische Kapazität dafür entwickelt haben. Was ist mit Gesellschaften? Was ist mit Millionen von Menschen, die diese Kapazität nicht haben, nicht haben können, nicht haben wollen?
Die unbequeme Wahrheit ist: Die meisten Menschen brauchen Prophet:innen. Sie brauchen jemanden, der sagt: „Folgt mir, ich kenne den Weg.“ Wir werden Prophet:innen haben. Die Frage ist nur, welche Art wir wählen werden.
Werden es jene sein, die ihre eigene Fehlbarkeit anerkennen, oder jene, die vorgeben, Götter zu sein? Jene, die Systeme schaffen, in denen andere wachsen können, oder jene, die Systeme schaffen, in denen andere gehorchen müssen? Jene, die das Spiel transformieren wollen, oder jene, die es nur perfektionieren wollen?
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„Here lies a toppled God“ – danke Patrick für das Gespräch, das zur Idee zu diesem Post führte.