ÜBERSCHRIFTEN am Düsseldorfer Schauspielhaus zur UEFA EURO 2024

ÜBERSCHRIFTEN: Das verflixte siebte Jahr

2026.07.01

2212 ÜBERSCHRIFTEN. Sieben Jahre. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich aufgehört habe.

Eine Pandemie machte eine geplante Installation zunichte. Ein Krieg gab dem Rest den Rest. Dann sah ich schwarz auf weiß in Tabellen, dass die Zahlen nicht lügen, auch wenn die Menschen, die sie produzieren, das manchmal tun. Und Anfang 2025 verließ ich Instagram, aus Überzeugung, mit Konsequenzen: fast 10.000 Follower:innen, weg. Jetzt 50 Newsletter-Abonnent:innen. 35 bei Bluesky.

Das klingt erschreckend. Nur: Mails kommen noch immer. „Das bedeutet mir etwas.“ Nicht viele, aber sie kommen. Und ich weiß inzwischen: Das ist die einzige Metrik, die ich nicht wegdiskutieren kann, nicht optimieren. Sie zählt deshalb.

I

In sieben Jahren habe ich nicht gelernt, wie ich ein Kunstprojekt führe, sondern eine Art zu beobachten. Die ÜBERSCHRIFTEN entstehen meist aus Gesprächen. Aus dem, was sich in Unterhaltungen immer wieder verdichtet, was wiederkommt, was sich festsetzt. Irgendwann schrieb ich das auf, als Destillat: den einen Satz, der das Gewicht trägt. Erst dachte ich, das sei eine Technik. Inzwischen glaube ich: Es ist eine Disziplin, nicht sofort einzuordnen. Das Unbehagen auszuhalten, wenn etwas wahr klingt und ich noch nicht weiß, warum.

Das hat verändert, wie ich Gespräche führe. Ich höre anders zu, wenn ich weiß, dass ich danach suche; nicht nach dem Argument oder der Pointe, sondern nach dem Satz, der bleibt, wenn alles andere verblasst. Manche Gespräche haben mir eine ÜBERSCHRIFT gegeben, manche eine Handvoll. Manche haben mir gezeigt, dass ich eine ÜBERSCHRIFT missverstanden hatte, dass ich sie aus meinem Kontext heraus geschrieben hatte und sie in einem anderen Mund plötzlich etwas gänzlich anderes bedeutete. Und die meisten Gespräche erinnern mich daran, dass ich nicht danach suchen sollte.

Das ist das Seltsame an diesem Format: Ich schreibe es, aber ich besitze es nicht. Es gibt daher ÜBERSCHRIFTEN, denen ich heute nicht mehr zustimme. Sie sind nicht falsch geworden; ich habe mich verändert und sie nicht. Sie stehen da, unveränderlich, und ich lese sie und erkenne den Menschen, der das geschrieben hat, und er ist mir vertraut und fremd zugleich. Das ist unangenehm auf eine produktive Art. Ein Archiv der eigenen Überzeugungen ist kein Denkmal, sondern ein Spiegel, der nicht schmeichelt.

Manche ÜBERSCHRIFTEN habe ich geschrieben und sofort gewusst: Das stimmt, aber ich lebe nicht danach. Das ist die unbequemste Kategorie. Nicht die Erkenntnis, die ich noch nicht habe, sondern die, die ich habe und trotzdem ignoriere. Die ÜBERSCHRIFTEN machen mir das sichtbar, immer wieder, weil der Zufallsgenerator sie mir irgendwann wieder zeigt, in einem anderen Moment, in einem anderen Leben.

Ich habe Begleittexte versucht, es hat nicht funktioniert. Sobald ich erkläre, was eine ÜBERSCHRIFT bedeutet, stirbt sie ein wenig. Der Raum, den sie lässt, ist nicht Leerstelle – er ist Funktion. Was jemand anderes darin findet, ist oft präziser als das, was ich gemeint hatte. Das sagt mehr über Bedeutung als über mich.

II

Kevin Kelly schrieb einmal, tausend echte Fans genügen, davon bin ich weit entfernt. Aber ich glaube, er hat etwas Richtiges gesehen: dass Reichweite und Resonanz zwei verschiedene Dinge sind. Sie überschneiden sich gelegentlich, meistens nicht.

Plattformen verkaufen die Überschneidung als Normalzustand. Das ist das Geschäftsmodell, und ein gutes, solange wir bereit sind, die Währung zu zahlen. Die Währung ist nicht nur Zeit oder Geld. Die Währung ist die Bereitschaft, die eigene Arbeit so zu verformen, dass der Algorithmus sie weiterreicht. Lauter, bunter, erklärender, persönlicher, provokanter: immer in die Richtung, die gerade funktioniert, bis sie es nicht mehr tut, dann in eine andere.

Ich habe das eine Weile mitgespielt. Ich habe A/B-Tests gemacht, Begleittexte geschrieben, Projektionen ausprobiert, Werbung geschaltet, das Design überarbeitet, mich gefragt, ob ich zu wenig von mir zeige. Die Tabellen haben mir jedes Mal gesagt, dass es nichts gebracht hat. Irgendwann habe ich aufgehört, die Tabellen zu fragen.

Instagram verließ ich nicht impulsiv: Ich habe es angekündigt, ich habe es begründet und dabei zugeschaut, wie fast sechs Jahre Aufbau in zwei Wochen auf fünfzig Newsletter-Abonnent:innen zusammenschrumpften. Das war lehrreich, nicht angenehm. Es hat gezeigt, was Plattformabhängigkeit bedeutet: dass die Follower:innen nicht mir gehören, sondern der Plattform. Dass ich keine Community aufgebaut, sondern eine Leihgabe verwaltet habe.

Die Fünfzig, die geblieben sind, haben sich entschieden zu bleiben. Das ist ein anderes Gewicht.

III

2212 ÜBERSCHRIFTEN sind keine Ansage. Es ist eine Beobachtung: Ich habe nie aufgehört zu schreiben. Durch Pandemie, Krieg, Plattformwechsel, Neudesigns, Installationen, die passierten, und eine, die ich selbst nicht sah – die ÜBERSCHRIFTEN auf der Fassade des Düsseldorfer Schauspielhauses, in riesigen Lettern, und ich stand daneben und dachte: fast schon größenwahnsinnig, und gleichzeitig genau richtig. Durch Umfragen mit ihren Antworten und Mails, die mich überraschten, weil jemand etwas darin gefunden hatte, das ich nicht gesucht hatte.

Die Zahl wächst weiter. Einen Plan habe ich nicht mehr, aber einen Grund aufzuhören auch nicht. Das ist keine Heldengeschichte. Sisyphos ist auch keine: was passiert, wenn wir aufhören, den Stein als Last zu begreifen, und ihn als Beschäftigung nehmen. Camus sagte, wir sollen ihn uns als glücklichen Menschen vorstellen. Ich weiß nicht, ob glücklich das richtige Wort ist. Aber ich erkenne die Bewegung.

IV

Als Nächstes: ein Büchlein. Wenn es passt, Reclam-Format – klein, günstig, für die Hand. Keine Erklärungen, keine Fotos, kein Kontext außer dem, den du selbst mitbringst. Nur die ÜBERSCHRIFTEN, nach Menge gruppiert, zum Quereinsteigen. Wie bei Marc Aurel: Du schlägst auf, du liest, du legst es wieder weg. Was es in dir auslöst, ist deine Sache.

Das ist keine Eskalation, sondern dieselbe Idee in einem anderen Aggregatzustand: von flüchtig zu greifbar, von Algorithmus zu Papier, nicht weil Papier besser wäre, sondern weil es anders ist, langsamer, taktiler, ohne Benachrichtigungen. Ein Gegenstand, der wartet, bis du ihn aufschlägst, statt einer Oberfläche, die dich erinnert, dass du noch nicht geschaut hast.


Sieben Jahre. Das Spiel geht weiter, eines, das nicht zu gewinnen, aber das Spielen wert ist.


Titelbild: ÜBERSCHRIFTEN am Düsseldorfer Schauspielhaus zur UEFA EURO 2024

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